Verletzungssorgen : Deutschland vor dem Achtelfinale: Löwenschmerz

Tagesspiegel-WM-Reporter Michael Rosentritt über die deutsche Elf, die im Achtelfinale gegen England zurück zum Stil des Auftaktspiels gegen Australien finden will – ob mit Bastian Schweinsteiger oder Toni Kroos.

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Bundestrainer Joachim Löw will Bastian Schweinsteiger nur einsetzen, wenn der richtig fit ist.
Bundestrainer Joachim Löw will Bastian Schweinsteiger nur einsetzen, wenn der richtig fit ist.Foto: dpa

Am Freitag haben die deutschen Fußballnationalspieler ihr abgeriegeltes Anwesen verlassen und sich in die südafrikanische Weite getraut. Man könnte auch sagen, sie sind eingetaucht ins wilde Leben ringsum, dorthin, wo allerhand Gefahren lauern. Natürlich ist das etwas übertrieben, der Ausflug war bewacht und perfekt organisiert, typisch deutsch eben. Hier heißen solcherlei Ausflüge Safari. Und – jetzt kommt’s: Es ging in einen Löwenpark.

Wer weiß, wozu diese Löwensafari noch gut sein kann, wenn es in Bloemfontein gegen England geht. Nun ließe sich trefflich streiten über die Originalität einer solchen Idee, bloß soll hinterher niemand sagen, man habe gar keine Einstimmung gefunden auf diesen Gegner, die „Three Lions“. Erfinderischer darf es auf dem Platz zugehen, weshalb der Bundestrainer umso erfreuter die Rückkehr der Ausflügler in ihrer Vollzähligkeit und Unversehrtheit registrierte: „Das Gute ist, dass niemand gefressen wurde.“

Joachim Löw freute sich über seinen Einwurf – und machte sich daran, den Fokus aufs Wesentliche zu lenken. Das Spiel sei „eine Herausforderung“ für sein junges Team. Er selbst hat sich die Ausfahrt geschenkt und sich dem Studium reichhaltigen Videomaterials gewidmet. Auf dass die Mannschaft kein Abenteuer erlebe in Bloemfontein. Hinterher stellte der 50-Jährige beruhigend fest: „England ist und bleibt England.“

Und doch hörte es sich mehr nach Drohung an. Während Löw spielstrategische Wechsel für das Duell mit dem alten Rivalen ausschloss, ist man im deutschen Lager dazu übergegangen, die Favoritenrolle jenem Team zuzuschanzen, das die Vorrunde mit Mühe, nämlich nur zwei selbst erzielten Toren und einem knappen Sieg über Slowenien überstanden hat. Offenbar gefällt sich die deutsche Auswahl in der Außenseiterrolle.

Hintergrund dieser Strategie dürfte sein, dass der Mannschaft die Favoritenrolle, in die sie gegen Ghana gesteckt worden war, nicht passte. Löws Elf spielte fahrig und nervös. Gegen England müsse man die eigenen Aktionen besser zu Ende führen, sagte Löw. Vor allem aber dürfe die Defensive nicht so viel zulassen. „Wenn wir das gegen England nicht besser schaffen, dann wird es eng“, sagte Löw, dann würden Spieler wie Lampard, Gerrard und Rooney in die Räume stoßen, „wo sie kaum noch aufzuhalten sind“. Löws Huldigungen des englischen Fußballs im Allgemeinen („intensivstes Zweikampfverhalten“) und der jetzigen Auswahl im Speziellen („Capello hat ihnen eine gute Organisation verliehen“) wollten gar nicht enden. Von den Hängern im Spiel der Engländer will sich der Bundestrainer jedenfalls nicht irritieren lassen. „Keiner von denen wird irgendwie zurückweichen“, sagte er. Denn sollten sie die Deutschen bezwingen, würde ihnen das englische Volk wohl auch nachsehen, ohne WM-Pokal heimzukommen. Doch Deutschland kann nicht nur zum Erweckungserlebnis für Engländer werden, sondern eben auch zum Erschreckungserlebnis! Besonders wichtige Duelle zwischen beiden hatten zuletzt die Deutschen gewonnen, 1990 bei der WM und 1996 bei der EM jeweils im Halbfinale, beide Male im Elfmeterschießen.

Auf die Frage eines englischen Journalisten an Löw, ob er denn im Training auch Elfmeter üben lasse, antwortete Löw vorsichtshalber in Englisch, damit es zu keinerlei Übertragungsverlusten bei der Übersetzung kommt: Löw sagte also: „Probably, yes!“ Wahrscheinlich, ja. Da war sie also doch noch, die kleine Kampfansage. Zu ihr passte gut, dass der Bundestrainer für seine Landsleute etwas psychologisch Aufmunterndes loswerden wollte. „Wir wissen, dass wir sie schlagen können.“ Nur wie, das sagte er nicht.

Vor allem weil noch immer unklar ist, ob Bastian Schweinsteiger mitspielen kann. Auch er hatte vorsichtshalber die Safari ausgelassen, stattdessen begab er sich in Behandlung. Am Abschlusstraining am Samstag nahm er zwar wieder teil, absolvierte wie Jerome Boateng aber nur ein reduziertes Programm. Während Teammanager Oliver Bierhoff sagte, er sei „zuversichtlich“ für einen Einsatz am Sonntag, zeigte sich Andreas Köpke zurückhaltender: „Wir werden definitiv erst relativ kurz vor dem Spiel sehen können, ob sie dabei sind“, sagte der Torwarttrainer. Die Entscheidung über einen Einsatz werde Löw nach Rücksprache mit den Ärzten und nach „einem weiteren Test“ am Spieltag treffen. Aus der Ungewissheit um Schweinsteiger ziehen die Engländer ihre Hoffnungen. „Er ist das Herz unserer Mannschaft und der Motor auf dem Platz“, sagte Löw. Sein Fehlen würde die deutsche Elf hart treffen. Allerdings hätten die Deutschen einen Spieler, der Schweinsteigers Rolle zur Not übernehmen könnte. Einen Spieler, den die Engländer noch nicht auf dem Zettel haben. Löw: „Ich kann mir gut vorstellen, dass Toni Kroos das spielen kann.“

Ob mit oder ohne Schweinsteiger, man müsse wieder zurückfinden zu jener Frivolität des Spielstils, die vom Team gegen Australien aufgeführt worden war, meinte Joachim Löw. Nur ist es eben nicht so leicht wie es aussieht, diese Art von Schauspiel auf den Platz zu bringen. Denn bei einer so jungen Mannschaft kann es auch sein, „dass man am Ball eher die Sicherheit sucht“, sagte Löw. Und solche Momente werden auch gegen die "Three Lions" kommen. Mit Sicherheit.

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