WM-Gruppe H : Spanien spielt sich warm

Der Gruppen-Check, Teil 8: Die Gruppe H wäre eine der unspektakulärsten der WM 2010, wenn da nicht die Spanier wären. Wie ein Wolf unter Schafen mutet der Top-Favorit im Vergleich zur Schweiz, zu Chile und Honduras an.

Alexander Möthe, Handelsblatt
Spanien: Vor zwei Jahren Europameister und jetzt reif für den WM-Titel.
Spanien: Vor zwei Jahren Europameister und jetzt reif für den WM-Titel.Foto: AFP

Spanien: Schaulaufen des Top-Favoriten

Wer nach einer Niederlage der spanischen Fußballnationalmannschaft sucht, der muss sorgfältig die Statistiken durchforsten, um fündig zu werden. Seit Anfang 2007 ging "La Furia Roja" nur ein einziges Mal als Verlierer vom Platz. Dass es diese Niederlage ausgerechnet im Halbfinale des Vorbereitungsturniers, dem Confed-Cup 2009, setzte (0:2 gegen die USA), schmerzt, ist aber kein Grund zur Besorgnis. 35 Spiele in Serie hatten die Iberer zu diesem Zeitpunkt nicht verloren - Weltrekord, gemeinsam mit Brasilien.

Ganz nebenbei wurden die Spanier 2008 zum zweiten Mal Europameister. Beste Voraussetzungen, den notorischen Enttäuschungen auf der ganz großen Bühne ein Ende zu setzen. Die unfassbare Wahrheit ist, dass das dominierende europäische Team der vergangenen Jahre bei einer Weltmeisterschaft nie ein Finale erreicht hat. Die beste Platzierung war der vierte Rang - 1950. In Kombination mit der makellosen Qualifikation (zehn Spiele, zehn Siege) ergibt sich so eine vielleicht schon als brutal zu bezeichnende Drucksituation. Wenn es einen großen Favoriten auf den Titel gibt, dann muss es Spanien sein.

Auch für die Iberer ist das Leben alles andere als ein langer, ruhiger Fluss. Nach dem EM-Gewinn verabschiedete sich Altmeister Luis Aragones von der Seitenlinie, der Wechsel zu Vicente del Bosque erzeugte die für spanische Medien typischen Störgeräusche. Auch in der Qualifikation wurde schon mal die Krise ausgerufen, wenn ein Gegner nicht vom Platz gefegt wurde. Zuletzt wurde gar eine Diskussion um Torwart-Ikone Iker Casillas angezettelt. Das Gute: Bis auf drei Akteure spielen alle im Kader in ihrem Heimatland, wissen das Getöse einzuschätzen. Die drei Legionäre spielen in England und dürften ähnliche Erfahrungen machen.

Anders als bei anderen Favoriten gibt es bei Spanien nicht den Superstar. Cesc Fabregas, David Villa, Fernando Torres, Iniesta, Xabi Alonso, Sergio Ramos - alles klangvolle Namen, die zeigen, dass die "Seleccion" bis auf die letzte Position stark besetzt ist. Natürlich hat der Sturm schon die Möglichkeiten, ein Spiel problemlos allein zu entscheiden. Allerdings waren Villa und Torres zuletzt angeschlagen. Kann die erste Elf spielen, sind die Iberer ein lebendiger Albtraum für jeden Gegner.

Fazit: Spanien zaubert nicht, es überzeugt. Die Auslosung hat dem Team zudem mehr als lösbare Aufgaben angespült. Alles andere als ein Rollkommando in Richtung K.o.-Runde wäre eine Sensation. Drei Spiele, drei Siege, wenngleich auch keine Tororgien zu erwarten sind. Aber der Top-Favorit kommt ins Rollen.

Prognose: Spanien kann sicher für das Achtelfinale buchen. Wenn die Iberer den eigenen WM-Fluch bannen können, sind sie der erste Titelkandidat.

Chile: Kein Gipfelsturm des Anden-Teams

Eins hat "La Roja" aus Chile der "La Furia Roja" aus Spanien voraus: 1962 holten die Südamerikaner bei der WM im eigenen Land den dritten Platz. An dieser Stelle enden aber jegliche Parallelen von Andenstaat und Südeuropäern. Zum siebten Mal reisen die Chilenen zu einer WM. Und sie müssten, geht man nach dem relativen Abschneiden in der Qualifikation, als einer der Favoriten ans Kap kommen. De facto sind "La Roja" nicht mehr als ein Außenseiter.

In der Qualifikationsgruppe Südamerika wurde hinter Brasilien der zweite Platz erreicht, klar vor Argentinien, das als Mitfavorit gehandelt wird. Doch gerade die amerikanischen Gruppen sind alles andere als ein klarer Indikator. Höhen- und Klimaunterschiede, Anzahl von Auslandslegionären und Kaderfluktuationen machen bisweilen schon Heim- und Auswärtsspiele nicht vergleichbar.

Eine Vergleichsbasis bieten die Auftritte auf internationalem Parkett. Von den vergangenen zehn Spielen ging nur eins, gegen Mexiko, verloren. Ein Sieg gegen die Slowakei ließ aufhorchen. Wirkliche Härtetests waren weiter nicht dabei, aber auch die "kleinen" Gegner wollen ersteinmal bezwungen werden.

In Marcelo Bielsa trainiert ausgerechnet ein "Erzfeind" - sprich: Argentinier - die chilenische Auswahl. Doch durch die Erfolge verflog die Skepsis. Bielsa kann auf eine ansehnliche Truppe weltweit spielender Akteure bauen. Bekanntester Name aus deutscher Sicht ist der des Leverkuseners Arturo Vidal. Auch Alexis Sanchez von Udinese und Humberto Suazo (Saragossa) haben zumindest internationale Klasse. Auch in Griechenland, Portugal und der Türkei stehen chilenische Nationalspieler unter Vertrag.

Fazit: Chile ist ein nicht zu unterschätzender Außenseiter, mit dem auch Favorit Spanien Mühe haben wird. Motivation darf bei einer WM eigentlich keine Rolle spielen, aber die Chilenen scheinen besonders heiß. Allerdings mangelt es dem Kader in Tiefe und Breite an Qualität. Das Team erwartet ein enges Rennen um Platz zwei.

Prognose: Schwer, sich zwischen der Schweiz und Chile festzulegen. Dennoch werden die Eidgenossen das Rennen machen und für Chile ist nach drei Spielen Schluss.

Honduras: Dabei sein ist alles

Honduras bei einer WM - das muss doch eine Premiere sein ...? Nein, die Lateinamerikaner reisen zum immerhin zweiten Mal zu einer Endrunde. 1982 gelang die erste und bis zum vergangenen Jahr letzte Qualifikation, damals holte das Team unter anderem ein Remis gegen Spanien.

Dennoch: Honduras ist außerhalb Nord- und Mittelamerikas ein absolut unbeschriebenes Blatt. Umso erstaunlicher, dass die Honduraner in der Qualifikationsrunde für mächtig Wirbel gesorgt haben. So wurde sensationell Mexiko besiegt, am Ende reichte Rang drei in der Abschlusstabelle für die Fahrt zum Kap. Abgehängt wurden dabei die letztmaligen WM-Teilnehmer Trinidad & Tobago sowie Costa Rica.

Auch in der WM-Vorbereitung konnten Akzente gesetzt werden, Höhepunkt war zweifelsfrei ein Sieg gegen die USA (3:1). Auch Lettland wurde bezwungen, bei Niederlagen gegen u. a. Rumänien und die Türkei.

Für Nationaltrainer Reinaldo Rueda sind Honduras' Fußballer "stark am Ball, richtig kleine Brasilianer". Taktisch und in der Abwehrarbeit, so der Kolumbianer, hätten sie aber noch Nachholbedarf. Schaut man auf den Kader, entdeckt man vereinzelt überraschend viel Qualität. Über den Status der honduranischen Liga muss kein Wort verloren werden, aber die Legionäre kommen von teils namhaften Klubs. Allen voran: Wilson Palacios.

Der Mittelfeldmann von Tottenham ist die große Hoffnung Honduras? - und derzeit das große Sorgenkind. Rueda muss um ihn wie um Top-Stürmer David Suazo (Genua) wegen muskulärer Probleme bangen. In Hendry Thomas (Wigan Athletic) verfügen die Mittelamerikaner über einen weiteren Premier-League-Akteur, Edgar Alvarez ist Stammkraft beim italienischen AS Bari und durfte auch schon für die Roma auflaufen. In der Qualifikation tat sich zudem Carlos Pavón mit sieben Treffern hervor.

Fazit: Und wenn ihnen Flügel wachsen - mehr als ein Punkt sollte für Honduras nicht drin sein. Allein die Teilnahme ist ein Riesenerfolg und natürlich will jeder Weltmeister werden, doch realistisch gesehen ist das Ziel aller Träume bereits jetzt erreicht. Allerdings können die Honduraner zum Zünglein an der Waage im Kampf um Platz zwei werden.

Prognose: Letzter Platz in der Vorrundengruppe und Heimreise für Honduras, um einige unbezahlbare Erfahrungen reicher.

Schweiz: Das Ende der Erfolgs-Neutralität

Die Schweiz ist berühmt für Käse, Schokolade und Bankkonten. Guter Fußball? Eher nicht. Doch die Eidgenossen sind im Kommen. Ließen sie es rund 40 Jahre auf internationalem Parkett eher gemächlich angehen, konnte das Alpenland 1994 wieder ein WM-Achtelfinale erreichen. Zuletzt waren sie bei zwei Europameisterschaften sowie der WM 2006 in Deutschland vertreten. Südafrika ist die neunte Weltmeisterschaft für die "Nati".

Größter Erfolg ist das dreimalige Erreichen des WM-Viertelfinals, das letzte Mal allerdings 1954. Bei einer der drei EMs ging es nie über die Vorrunde hinaus - auch nicht im eigenen Land. Dennoch ist aus dem Fußballzwerg ein ernstzunehmender Gegner geworden.

Die Qualifikation verlief souverän, quasi als Start-Ziel-Sieg. Mit einem Punkt Vorsprung vor den ebenfalls qualifizierten Griechen sicherte man sich als Gruppenerster das Ticket nach Südafrika. In einer Gruppe mit Israel, Luxemburg und Moldawien war die Konkurrenz aber auch nicht übermächtig.

Die Vorbereitung verlief dafür ziemlich holprig. Zwar waren unter den vergangenen zehn Partien zwei Remis gegen Weltmeister Italien, allerdings auch empfindliche Niederlagen gegen Norwegen (0:1), Uruguay (1:3) und eine handfeste Blamage gegen Costa Rica (0:1).

Dennoch darf der Mannschaft nicht die Qualität abgesprochen werden, die sie durchaus besitzt. Allein 18 aktuelle oder ehemalige Bundesligaspieler stehen im Kader, dazu noch Legionäre aus Italien, Frankreich, England und den Niederlanden. Die Stützen des Teams sind wohl verteilt und auch wenn kein Weltstar darunter ist, liest sich das Personal der "Nati" ordentlich. Im Tor ist der Wolfsburger Diego Benaglio eine Bank, die Abwehr verfügt in Ludovic Magin (Zürich), Philippe Senderos (Everton) und Stephan Lichtsteiner (Lazio Rom) über durchsetzungsfähige Spieler.

Auch die Namen Eggimann, Ziegler und van Bergen sind nicht unbekannt. Im Mittelfeld zieht Leverkusens Tranquilo Barnetta die Fäden. Der 24-jährige ist ein Beispiel für die Entwicklung der vergangenen Jahre: Schweizer Talente zieht es ins Ausland, wo sie sich prächtig entwickeln. Unterstützt wird Barnetta im Mittelfeld unter anderem von Benjamin Huggel und dem erfahrenen Hakan Yakin.

Der Sturm bereitet Coach Ottmar Hitzfeld nur deswegen Sorgenfalten, da sich Alexander Frei am Sprunggelenk verletzte und um seine WM-Teilnahme bangen muss. Mit Albert Bunjaku, Eren Derdiyok und Routinier Blaise N'Kufo kann sich die Offensive auf jeden Fall sehen lassen.

Fazit: Die Schweiz ist am vorläufigen Höhepunkt einer langsamen, aber stetigen Aufwärtsbewegung angekommen. Vielleicht größter Trumpf der Eidgenossen ist der deutsche Ausnahmetrainer Hitzfeld, der im Herbst seiner großen Karriere noch auf einen Titel mit einer Länderauswahl brennt. Gegen Spanien ist auch kein Schweizer Kraut gewachsen - gegen Chile und Honduras müsste das Team jedoch die Oberhand behalten.

Prognose: Platz zwei in der Gruppe und dann wartet vermutlich Brasilien.


(Quelle: Handelsblatt)

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