Zwei Heimaten Deutschland - Ghana : Happy End für zwei

Tagesspiegel-Autorin Hadija Haruna hat eine deutsche Mutter und einen ghanaischen Vater. Das WM-Spiel Deutschland gegen Ghana erlebte sie live im Stadion - ein pures Gefühlschaos.

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In Südafrika unterwegs: Tagesspiegel-Autorin Hadija Haruna.
In Südafrika unterwegs: Tagesspiegel-Autorin Hadija Haruna.Foto: privat

Kein harter Schuss, ein sanfter, langer Stoß. Mesut Özil hat es gut mit mir gemeint. Ein Stich in meiner Brust war es trotzdem. Meine einzige Frage des Abends: Wie steht es um das Serbien-Australien-Spiel. Schaffen es meine beiden Teams?

Die erste Halbzeit erlebte ich wie in einer Blase. Ein Meer aus Vuvuzelarauschen und ich - still. Keine lauten Rufe wie sonst, kein "nach vorne, nach vorne, in die Box, jetzt mach doch". Ich bin angespannt und leer, mein Hals ist wie zugeschnürt. Dass ich mich so fühlen würde beim Deutschland-Spiel gegen Ghana, hätte ich nicht gedacht. Es ist eine grausame erste Halbzeit.

Tempo ist drin im Spiel. Das ghanaische Team ist flinker, doch das deutsche hält dagegegen. Es passiert nichts. Fällt etwa wegen mir kein Tor? Ich führe tiefsinnige Gedankenspiele im Sitzblock 512 und beobachte meine Brüder im Geiste, Kevin-Prince und Jérome.

Ich frage mich, ob sie vor dem Spiel miteinander gesprochen haben. Es macht mich traurig, sie auf dem Feld gegeneinander spielen zu sehen. Mütterliche Gefühle kommen in mir hoch. Dass bloß nichts passiert. Kevin-Prince spielt vorsichtig, nur Cacau schimpft wie ein Rohrspatz. Ich muss lachen. Es ist Gefühlschaos pur. Was für ein Spiel.

Halbzeitpause: Null zu null im Spiel Australien gegen Serbien. Ich mache zur Ablenkung Fotos von wild verkleideten Fans. Meine Begleitung spricht mir gut zu. "Es wird alles gut." Warum ist mir das alles hier so wichtig, denke ich und weiß es doch. Ich will nach dem Spiel nicht traurig sein und weiß plötzlich, dass ich mich nicht freuen könnte für den Sieg des einen, wenn der andere gehen muss.

Beim Tor für Deutschland lächele ich, aber jubele nicht. Es wäre umgekehrt nicht anders gewesen. Wie steht es bei Australien gegen Serbien? Immer noch null zu null. Ich entscheide mich dafür, das Ergebnis jetzt ruhig abzuwarten und dann meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Bloß nicht heulen. Dieses Spiel macht mir keinen Spaß.

Dann der Anruf. Ein Freund grölt in mein Ohr "Eins zu null für Australien. Yeahhhh". Ich springe auf, jubele, schreie, bewege mich tanzend im Kreis. Meine Sitzpartner um mich herum verstehen nicht. Auf dem Spielfeld passiert gerade nichts. Ich schreie auf englisch: "Tor für Australien", umarme meine Freundin und finde einen Verbündeten in der Reihe unter mir. Er wird mich im weiteren Spielverlauf über die Punktevergabe und Bedeutung der Tordifferenzen auf dem Laufenden halten. Jetzt bin ich im Spiel, vielmehr in zweien.

Australien hat in der Zwischenzeit ein weiteres Tor geschossen. Hey, mehr dürfen es jetzt aber nicht werden. Es werden unendlich lange 15 Minuten vor Abpfiff. Ich kann kaum das Spiel vor mir verfolgen, weil ich am Telefon hänge und versuche, mit meinen Fragen zum Spielverlauf der Australier gegen Serbien die Vuvuzelas zu übertönen. Das Spiel meiner Teams vor mir ist aber sowieso eingeschlafen. Jetzt ist es auch egal, dass ein Unentschieden inzwischen echt die Krönung des Ganzen für mich wäre. Hauptsache ist, beide Teams sind weiter. Das ist alles, was ich will.

Das Spiel ist aus und alle, alle, alle freuen sich. In meinem Rang fallen sich die Fans in die Arme. Die Vuvuzelas tröten so laut wie noch nie. Wir sind - ich bin weiter. Ich kann nur noch "ja" schreien. Eine Welle der Freude steigt in mir auf. Überall tanzende und springende Menschen. Beim Weg nach unten zum Ausgang des Stadions beobachte ich Fotosessions zwischen beiden Fangruppen, höre Deutschlaaaand-Gesänge zu ghanaischen Trommelklängen und kann nicht fassen, was ich sehe. Meine Heimaten sind vereint im Siegestaumel, ins Achtelfinale gekommen zu sein. Unfassbar! Ich schieße ein Foto nach dem anderen von diesem Spektakel. Gemeinsam trägt uns die Freude zu dem eine halbe Stunde vom Stadion entfernten Busparkplatz, von wo aus wir nach Johannesburg gebracht werden. Meine Begleitung und ich nehmen uns Zeit für diesen Weg. Dieses Gefühl in mir ist einfach einmalig. Genauso habe ich es mir gewünscht.

Hadija Haruna arbeitet in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegel und ist derzeit unterwegs bei der WM in Südafrika.

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