Fußballbuch : Deutschland lieben lernen

Simon Kuper ist einmal um die Erde gereist, um dem Fußball nachzuspüren.

Stefan Hermanns
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Spezielle Beziehung. Kuper beleuchtet auch das fußballerische Verhältnis zwischen Deutschland und Holland. Foto: p-aPHOENIX_picture-alliance_dpa

Der Markt für Fußballbücher gilt hierzulande traditionell als ein besonders schwieriger. Dass diese Einschätzung nicht gänzlich an der Realität vorbeigeht, zeigt die Geschichte von „Football against the enemy“. Das bemerkenswerte Werk des englischen Journalisten Simon Kuper ist von der Zeitschrift „Four four two“ als „das beste Fußballbuch aller Zeiten“ gefeiert worden; auch andere Rezensenten waren durchweg angetan, doch selbst das hat nicht verhindern können, dass das Buch in Deutschland erst jetzt auf dem Markt ist. Schlappe 15 Jahre nach dem Erscheinen in Großbritannien. Wenn man es ins Positive wenden wollte, könnte man sagen: Dank der deutschen Transusigkeit gibt es jetzt ein wunderbares Geschichtsbuch, das aus einer längst vergangenen Zeit erzählt: vom Fußball v. K. – vor der Kommerzialisierung.

Kuper, einer der renommiertesten Fußballschreiber im Vereinigten Königreich, war ein mittelloser Student von 22 Jahren, als er Anfang der Neunziger seine Weltreise in Sachen Fußball startete. Er übernachtete in Jugendherbergen, kleidete sich schäbig und fand trotzdem Zugang zu Spielern, Trainern, Politikern, Mafiosi und Millionären, dem ganz normalen Fußballpersonal. „Es war eine verwirrende Zeit“, schreibt Kuper. Um der gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs nachzuspüren, hat er innerhalb von neun Monaten 22 Länder besucht: von Litauen bis Kamerun, Südafrika bis Brasilien.

Das Buch steckt voller witziger, manchmal wahnwitziger Geschichten. Da ist zum Beispiel der Versuch Äthiopiens, sich für die Weltmeisterschaft 1994 zu qualifizieren. Das erste Spiel führte das Team nach Marokko. Beim Zwischenstopp in Rom beantragten gleich die besten fünf Spieler Asyl. Weil die Äthiopier nur noch zu acht waren, mussten der Ersatztorhüter, der Kotrainer und ein Freund einspringen, um die Partie wenigstens in voller Mannschaftsstärke beginnen zu können. Zur Pause, beim Stand von 0:5, gaben zwei der Ersatzkräfte erschöpft auf, drei weitere Spieler folgten kurz nach der Pause, so dass der Schiedsrichter das Spiel schließlich abbrechen musste. „Äthiopien konnte sich nicht für die WM qualifizieren“, schreibt Kuper.

Weil er den Großteil seiner Kindheit in Holland verbracht hat, widmet sich Kuper sehr ausführlich dem – zumindest im Fußball – schwierigen Verhältnis zwischen Deutschen und Holländern. Das Thema ist so was wie die Klammer des Buches, das letzte, nachgeschobene Kapitel („Seltsam, oder: Wie ich lernte, die Deutschen zu lieben“) fast schon eine Liebeserklärung an Deutschland, den einstigen Schurken des internationalen Fußballs. Seltsam, aber vielleicht ist Lothar Matthäus doch nicht so ein verkehrter Kerl.

Simon Kuper: Football against the enemy. Oder: Wie ich einmal lernte, Deutschland zu lieben. Verlag Die Werkstatt. 379 Seiten, 16,90 Euro.

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