Sport : Galaktisch war gestern

Real Madrid steckt in der Krise: Die Mannschaft ist zu alt, die Leistungsträger sind außer Form

Harald Irnberger[Madrid]

Mariano Garcia Remon hatte es geahnt. „Ich glaube nicht, dass diese Mannschaft bei dem wunderbaren Fußball anknüpfen kann, den sie in den letzten Jahren geboten hat“, hatte er gesagt. „Dafür ist inzwischen zu viel passiert. Jetzt werden wir vor allem hart arbeiten müssen, um zumindest die Resultate zu erreichen, die man von uns erwartet.“ Die Realität gibt Mariano Garcia Remon Recht. Der neue Trainer des spanischen Fußball-Rekordmeisters Real Madrid steht mit seiner Mannschaft derzeit nur auf Tabellenplatz zehn in der Liga, sieben Punkte hinter dem Spitzenreiter FC Barcelona. Am Samstag verlor Garcia Remons Team im Duell der beiden Krisenmannschaften zu Hause 0:1 gegen Deportivo La Coruña.

Dabei hatte es am vergangenen Mittwoch noch nach einem Ende der Krise ausgesehen. Nach einem 0:2-Rückstand gegen den AS Rom siegte Real in der Champions League noch 4:2. Doch das war wohl nur ein Zwischenhoch. Es läuft einfach nicht bei Real. Daran kann auch Garcia Remon nichts ändern, der erst vor kurzem die Nachfolge von Jose Antonio Camacho angetreten hat. Camacho hatte nach nur zweimonatiger Tätigkeit als Übungsleiter entnervt aufgegeben, weil er die Mannschaft nicht mehr erreichen konnte.

Das größte Problem bei Real: Die derzeit teuersten Angreifer der Welt spielen kaum Chancen heraus und nutzen die wenigen Gelegenheiten nur sporadisch. Ganze vier Treffer erzielten sie in den bisherigen sechs Ligaspielen – so wenige wie nie zuvor. Die Mannschaft wirkt, als hätte sie ihr einst als „galaktisch“ bezeichnetes Spiel einfach verlernt. Verschwunden ist die schnelle, präzise Ballzirkulation, mit der sie früher aus der Defensive das Mittelfeld überbrückte, um ihr variantenreiches Angriffsrepertoire einzusetzen, in dem alle Stars ihre individuellen Vorzüge optimal einbringen konnten. Der frühere Trainer Vicente del Bosque hatte diese Spielkultur behutsam und sorgfältig aufgebaut. Rückblickend begann der Niedergang von Real schon mit seiner Entlassung vor einem Jahr. Dass diese ein Fehler war, hat Klubpräsident Florentino Perez inzwischen zugegeben.

Der neue Trainer Carlos Queiroz verwarf del Bosques Philosophie und wollte einen scheinbar sichereren Weg einschlagen: Fortan sollte nur noch Ronaldo am Strafraum angespielt werden, mit weiten Bällen, vorrangig durch den teuren Neueinkauf David Beckham. Das klappte zwar häufig, führte aber dazu, dass Leistungsträger wie Raul und Zinedine Zidane einfach nicht mehr ins Spiel kamen und in eine strukturelle Formkrise schlitterten. Vermutlich wurde durch diese Spielweise das gesamte filigrane Räderwerk Real irreparabel beschädigt. Hinzu kam ein weiteres Problem: Viele Spieler hatten bereits das Alter von 30 Jahren erreicht, der Leistungszenit etlicher Stars war überschritten. Nicht wenige forderten, einen Neuanfang mit jungen Spielern zu wagen.

Die Vereinsführung ignorierte diese Stimmen. Immerhin entließ sie Queiroz, bevor er noch mehr Schaden anrichten konnte. Doch was sein Nachfolger Camacho wollte, blieb bis zuletzt unklar. Einige Spieler versicherten glaubhaft, einfach nicht zu verstehen, was der oftmals mit schriller Stimme schreiende Trainer eigentlich sagen wolle. Camacho schien zumindest eingesehen zu haben, dass diese Versammlung von Ausnahmekönnern keinen Feldwebel, sondern eher einen Therapeuten benötigt. Jedenfalls schlug er selbst Garcia Remon als Nachfolger vor. Der spielte früher gemeinsam mit del Bosque bei Real und ähnelt ihm in seiner ausgeglichenen Art. Seither ist zumindest Ruhe in den Kader eingekehrt, und phasenweise agiert die Elf sogar so ballsicher wie seinerzeit unter del Bosque.

Wesentlich häufiger scheitert Reals Spielaufbau aber weiterhin schon im Ansatz – genauer: im defensiven Mittelfeld, bei David Beckham. Viele sehen in ihm die größte Schwachstelle der Elf. „Für die Position, die er einnimmt, denkt der Junge nicht schnell genug“, sagt der spanische Nationaltrainer Luis Aragones. Seinen Stammplatz wird Beckham aber nicht verlieren. Allein schon aus Marketinggründen muss ihn Garcia Remon aufbieten. Der Trainer kann folglich nur das Ziel ausgeben, Erfolge zu erarbeiten. Von erspielen, wie früher, ist schon lange keine Rede mehr. Und von galaktisch schon gar nicht.

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