• Gefährliche Fitmacher: Vielfach ist da ein Placebo-Effekt - Professor Wilfried Kindermann zum Thema

Sport : Gefährliche Fitmacher: Vielfach ist da ein Placebo-Effekt - Professor Wilfried Kindermann zum Thema

Herr Kindermann[eine persönliche Frage: Habe]

Professor Wilfried Kindermann (60), Leitender Mannschaftsarzt des deutschen Olympiaaufgebots in Sydney, war bis 1996 verantwortlicher Arzt beim Leichtathletik-Verband, dann Internist der Fußball-Nationalmannschaft und selbst 1962 Europameister über 4x400 m. Kindermann ist hauptberuflich Leiter des Instituts für Sport-und Präventivmedizin an der Universität in Saarbrücken.

Herr Kindermann, eine persönliche Frage: Haben Sie jemals Nahrungsergänzungsmittel selber probiert?

Nein, warum sollte ich? Zu meiner Zeit als Leichtathlet war das kein Thema, und heute komme ich ganz gut ohne diese Dinge aus.

Im Sport scheinen sie aber sehr verbreitet.

Wenn jemand Konsumenten kennt, sollte man nicht gleich schließen, alle Leistungssportler würden diese Mittel nutzen. Richtig dürfte sein, dass dieses Thema stärker in die Öffentlichkeit gekommen ist. Vielleicht nicht immer ohne Absicht, denn es gibt Hersteller, die ihre Produkte verkaufen wollen.

und die eine Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit versprechen. Ist dies wissenschaftlich gesichert?

In den meisten Fällen nicht, wenngleich Produzenten oder Sportler darauf schwören. Vielfach ist da ein Placeboeffekt, man glaubt an die Wirkung und fühlt sich subjektiv stärker. Nur für wenige Substanzen gibt es wissenschaftliche Hinweise für einen eventuell leistungsfördernden Effekt. Am besten untersucht ist Kreatin. Da existieren Studien, die hinweisen, dass möglicherweise die Leistungsfähigkeit verbessert werden kann. Das muss aber nicht zu einer besseren Wettkampfleistung führen.

Weil Sie Kreatin nennen - es gibt Leute, die halten dessen Verwendung für ethisch verwerflich?

Wir müssen bei den Nahrungsergänzungsmitteln zwei Gruppen unterscheiden: Da sind zum einen die mit Prohormonen angereicherten Mittel, zum Beispiel Vorläufersubstanzen von Nandrolon. Die werden im Ausland produziert. In Deutschland dürfen sie nicht hergestellt werden. Diese Prohormone sind anabole Substanzen und stehen auf der Dopingliste.

Und die zweite Gruppe?

Zu der gehören erlaubte Nahrungsergänzungsmittel, die Kohlenhydrate, Aminosäuren, Vitamine, Mineralien, Spurenelemente oder auch Kreatin enthalten. Wenn man die Zufuhr von nicht mit Prohormonen angereicherten Nahrungsergänzungsmitteln für verwerflich hält, dann müsste man auch Marathonläufern oder Radrennfahrern verbieten, sich mit Nudeln voll zu stopfen oder Kohlenhydratriegel zu sich nehmen, um damit die Depots in den Muskeln aufzufüllen. Auch Elektrolytgetränke wären dann tabu. Also, man sollte die Kirche im Dorf lassen. Was Kreatin betrifft, so meine ich, dass man nicht etwas verbieten kann, was man täglich mit der Nahrung zu sich nimmt.

Kann die Zufuhr von Nahrungsergänzungsmitteln bedenklich sein?

Nahrungsergänzungsmittel sind nur angebracht, wenn Defizite vorliegen oder zu erwarten sind. Bei uns ist jederzeit eine sportgerechte, vollwertige Ernährung möglich. Anders mag das bei Aufenthalten im Ausland sein. Sinnvoll erscheint ihre Verwendung auch in Sportarten, in denen Gewichtsklassen eine Rolle spielen. Wenn jemand seine Nahrungsaufnahme einschränkt, um ein bestimmtes Gewicht zu erreichen, können Defizite entstehen. Hier wäre eine dosierte Ergänzung angebracht. In jedem Falle ist ein kritischer Umgang mit Nahrungsergänzungsmitteln notwendig.

In Nahrungsergänzungsmitteln des Ringers Leipold ist ein Prohormon für Nandrolon gefunden worden. Was ist da schief gelaufen?

Alle Olympiateilnehmer wurden vorher auf die Problematik der Nahrungsergänzungsmittel hingewiesen. Aber offensichtlich wurde das nicht immer ernst genommen. Leipold wurde in Sydney zusätzlich von seinem Hausarzt, Physiotherapeuten und einer Heilpraktikerin betreut. Er erhielt offenbar von ihnen Präparate, was dem Mannschaftsarzt nicht bekannt war. Man sollte sich davor hüten, nach Gutdünken oder Empfehlungen zu Wundermitteln zu greifen. Die Gefahr, verunreinigte Mittel einzunehmen, ist nicht zu unterschätzen. Der Athlet muss letztlich die Zeche dafür bezahlen.

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