Sport : Gegen den strengen Duft (Glosse)

Ulrich Kaiser

Für jene Menschen, die nicht regelmäßig ins Stadion gehen, sollte man erklären, dass es hier seit einiger Zeit eine Art Garderobenzwang gibt. Man trägt bei dieser Gelegenheit nämlich ein Trikot jener Mannschaft, als deren Fan man sich zu erkennen geben mag. Da kommt es vor, dass sich beispielsweise in München gleich nebenan eine ganze Sitzreihe mit der Nummer 9 auf dem Rücken wie Elber niedergelassen hat, oder mit der Nummer 10 wie Möller in Dortmund. Das ist gar nicht so schlecht, denn man weiß dann gleich, mit man es zu tun hat - Freund oder Feind.

Dieser Tage haben wir nun erfahren, dass diese Hemden bei manchen Mannschaften mit einem Zeug imprägniert wurden, welches sich nicht nur Tributylzinn nennt, sondern auch ziemlich giftig sein soll. Zunächst einmal bleibt dazu festzustellen, dass der Verkaufspreis eines derartigen Kleidungsstücks ungefähr tausend Prozent über dem Herstellungspreis liegt, was zu der Mutmaßung führt, dass der gemeine Fan ja schließlich für sein Geld auch etwas erwarten kann - und sei es ein bisschen Gift. Das böse Tributylzinn soll in diesem Sinne dafür sorgen, dass das Hemd nicht stinkt - oder präziser ausgedrückt: Das giftige Zeug ist so eine Art antibakterielles Deo gegen den strengen Duft des Fußballs.

Während man sich als Fan noch den Kopf darüber zerbrach, dass es einem durch Gifteinnahme verstorbenem Menschen ja ziemlich egal sein kann, ob das Hemd nun übel riecht oder zart duftet, erreichte uns bereits das entwarnende und erwartete Dementi: Die Giftspuren sind so gering, dass sie kaum der Rede wert sind und einen Grund zur Beunruhigung gibt es schon gleich gar nicht. Es wäre sehr verwunderlich gewesen, wenn es dieses beruhigende Dementi nicht gegeben hätte. Bevor wir diese unglaublich spannende Betrachtung weiterführen, sollten wir an dieser Stelle vielleicht noch einfügen, dass man Tributylzinn angeblich bei der Behandlung von Schiffsrümpfen verwendet.

Die kurzfristigen finanziellen Einbußen, die man nun durch den Hemden-Alarm sicherlich erlitten hat, dürften sich bis zum Start der Spiele im neuen Jahr also längst wieder ausgeglichen haben. Was die Spieler betrifft, so konnten wir immer wieder sehen, wie sie sich an eben diesen Hemden zerren und zupfen. Hin und wieder kam es vor, dass die Hemden sich sogar auflösten und dem Träger buchstäblich vom Leib gerissen wurden. Schiedsrichter sollten es sich aber lieber zweimal überlegen, ob sie künftig dabei einschreiten: Man könnte den gesamten Vorgang des Hemdzerreißens ja eventuell als einen Akt der Hilfe gelten lassen - vielleicht will der eine Spieler den anderen nur vor einer akuten Vergiftung retten! Ähnlich erhellend ist die Situation bei jenen Torschützen, die sich sofort anschließend das Hemd vom Körper reißen: Weg mit dem Ding - es ist giftig!

Die Geste des Hemdentauschs nach dem Spiel, die ja immer als Ausdruck besonderer freundschaftlicher Gesinnung gilt, könnte ja neuerdings völlig anders ausgelegt werden: Es ist nicht nur unhygienisch, das Trikot mit dem fremden Schweiß auf der Haut zu tragen, sondern auch gesundheitlich außerordentlich bedenklich. Soll man überhaupt dem vorliegenden Dementi Glauben schenken? Ist ein Fußballspielertrikot denn tatsächlich so harmlos, wie es jetzt wieder dargestellt wird? Bleibt die angebliche Gefahrlosigkeit durch zu geringe Giftdosis auch dann bestehen, wenn ein Stadion mit achtzigtausend geruchlosen Trikotträgern gefüllt ist? Wie diese Geschichte sich auch immer weiter entwickeln wird - wir haben immerhin einiges über die Gemeinsamkeiten von Fußballspielerhemden und Schiffsrümpfen gelernt. Da fällt einem ein: Wie riecht ein Schiff eigentlich von unten?!

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