Gegen Freiburg : Hertha ringt am Rand

Berlins Bundesligist will heute gegen den SC Freiburg den Negativtrend der letzten Wochen stoppen.

Michael Rosentritt
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Oben ist anders. Herthas Stürmer Waleri Domowtschiski sucht nach Gründen für die Krise und einem Ausweg. Beides hat er ebenso...Foto: dpa

Berlin - Lucien Favre hat derzeit keinen einfachen Job. Als Trainer des Fußballbundesligisten Hertha BSC hat er sich nun um Dinge zu kümmern, die sich abseits des Rasens abspielen. „Unsere Körpersprache hat gefehlt“, sagt der Schweizer, was bestenfalls die eine Hälfte der Wahrheit ist. Seinen Spielern fehlte eine positive Körpersprache, sie zeigten zuletzt eine andere. Wenn die Körper der Herthaspieler sprechen könnten, ihre Aussagen würden vermutlich zwischen „Aua, aua“ und „Spielt mich bloß nicht an!“ changieren.

Vier Bundesliganiederlagen in Folge und eine gefühlte in der Europa League gegen Lettlands Meister haben Spuren hinterlassen. Vor dem heutigen Spiel gegen den SC Freiburg befindet sich Hertha in einer tiefen Krise. „Das Selbstbewusstsein ist völlig weg, aber da müssen wir jetzt durch“, hatte Arne Friedrich gesagt. Dessen Mitspieler Maximilian Nicu urteilte: „Je länger wir kein Erfolgserlebnis haben, desto größer wird das Loch im Kopf.“

Was der Mittelfeldspieler damit auch immer sagen wollte – mit Hertha verhält es sich momentan nicht anders als mit der Weltwirtschaft nach dem Lehman-Crash. Berlins Bundesligist befindet sich in einem starken Negativtrend, wobei niemand so genau weiß, ob der tiefste Punkt schon erreicht ist. Das Spiel heute im Olympiastadion könnte weitere Anhaltspunkte liefern. Es ist ein Spiel gegen eine Mannschaft, der es bisher noch nie gelungen ist, ein Bundesligaspiel in Berlin zu gewinnen. Zwar kriselt auch die Mannschaft aus dem Breisgau, was für einen Aufsteiger aber alles andere als überraschend ist, dennoch gibt sich Trainer Robin Dutt vorsichtig optimistisch. „Für beide Mannschaften steht viel auf dem Spiel. Wir sind meiner Ansicht nach aber psychologisch etwas im Vorteil: Hertha hat enormen Druck, und das wollen wir ausnutzen.“

Michael Preetz sagt: „Wir haben nach dem Freiburg-Spiel noch eine lange Saison.“ Natürlich weiß Herthas Manager um die Bedeutung des Spiels, doch will er Last von seinen Spielern nehmen. Wie Erfolg versprechend dieses Unterfangen auch sein mag, die Lage bedrängt Hertha an allen Fronten. Durch den samstäglichen Sieg des 1. FC Köln ist Hertha ans Tabellenende gefallen. Das heißt, der „Hauptstadtklub“ (laut Selbstverständnis) und der 1. FC Union aus Köpenick, der im Frühjahr noch durch die Dritte Liga bolzte und nun die Zweite Liga anführt, sind Tabellennachbarn – zumindest für eine Nacht. So nah waren sich die beiden Berliner Profiklubs noch nie.

Michael Preetz und Lucien Favre haben in den zurückliegenden Stunden viele Gespräche mit den Spielern geführt. Der Manager wollte die Spieler „an ihre Stärken erinnern“, der Trainer dagegen rückte anderes in seinen Ansprachen in den Mittelpunkt. „Wir dürfen nicht nur ans Laufen und Kämpfen denken, wir dürfen nicht vergessen, Fußball zu spielen.“

Genau das aber ist Herthas größtes Problem. Die durcheinandergewirbelte Mannschaft bekommt kein Bein auf den Platz. Es fehlt dem Team an taktischer Organisation, an spielerischem Verständnis untereinander und der Balance zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Hertha ist hektisch, nervös und harmlos. Hertha kreiert keine echte Torgefahr und ist somit der einzige Bundesligist, dem noch kein Stürmertor gelungen ist.

Gestern konnten immerhin alle angeschlagenen Spieler das Abschlusstraining absolvieren, also auch die zuletzt so vermissten Raffael, Gojko Kacar und Patrick Ebert. Eine endgültige Entscheidung über die Aufstellung wird erst dicht vor dem Anpfiff fallen, wie Favre mitteilt. Derweil kann sich der geneigte Hertha-Fan an einer anderen Nachricht erfreuen: Die S-Bahn zum Olympiastadion fährt wieder.

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