Geher-Wettkampf : 20 Kilometer Schmerzen

Der Berliner André Höhne kommt beim Titelkampf der Geher mit einer Prellung an der Ferse erst als 14. durchs Ziel. Sieger wurde der Russe Waleri Bortschin.

Friedhard Teuffel
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Geher am Brandenburger Tor. André Höhne (rechts) aus Berlin wird 14.Foto: ddp

Die Belohnung im Ziel: Ein bisschen Zeit mit Frau und Sohn und ein Beutel Eis. Das schien André Höhne erst einmal Ausgleich genug dafür zu sein, dass ihm die vergangenen 20 Kilometer Unter den Linden so viel Schmerzen bereitet hatten. Noch ein bisschen keuchend stand er mit seiner Frau und seinem vier Jahre alten Sohn hinter dem Brandenburger Tor und blinzelte in die Sonne. „Ich bin glücklich, dass ich hier laufen durfte“, sagte Höhne. Er wollte so gerne noch schneller sein, aber es ging nicht, nach 1:21:59 Stunden kam er als Vierzehnter ins Ziel. „Die Platzierung? Naja“, sagte der Berliner, während sein rechter Fuß auf einem Eisbeutel stand. „In einer Kurve habe ich mir eine Prellung an der Ferse zugezogen, das hat tierisch wehgetan.“

Seine Frau und sein Sohn haben ihn mit seiner Ankunft im Ziel jedenfalls erst einmal wieder. Insgesamt fünf Monate war Höhne zuletzt unterwegs, um sich in Trainingslagern auf diese Weltmeisterschaften vorzubereiten. Es sollte der Karrierehöhepunkt für den 31-Jährigen werden in seiner Stadt Berlin, er startet für den SC Charlottenburg und trainiert im Sportforum Hohenschönhausen - wenn er nicht gerade ins Trainingslager gereist ist. Sein Traum war ein Rennen mitten in der Stadt, das vielleicht mit einer Medaille ausgezeichnet wird und das seine ganze Familie verfolgen kann.

Am Start wirkte Höhne noch gelassen, sein Blick war wie immer bei einem Gehwettbewerb hinter einer Sonnenbrille verborgen. Schon nach kurzer Zeit bildete sich die erste Spitzengruppe, Höhne führte das Verfolgerfeld an. Doch wenig später musste er sich eingestehen, dass er lieber sein eigenes Rennen gehen sollte, gleich, was die anderen vor ihm so anstellten. Er fiel etwas zurück.  
An der Strecke hatten sich viele Mitglieder seiner Familie verteilt. „Ich habe sie nicht alle gezählt, aber es waren etwa dreißig“, sagte Höhne. An ihnen konnte er sich orientieren, weil die zwei Kilometer lange Strecke nur Wendepunkte hinter dem Brandenburger Tor und am Denkmal Friedrichs des Großen hatte, und für Höhne deshalb schwerer einzuteilen war als ein Kurs mit Kurven.

Einen Heimvorteil hat Höhne wirklich gespürt. „Die Zuschauer an der Strecke waren einfach fantastisch.“ 100 000 sollen es insgesamt gewesen sein, und jedes Mal wenn Höhne durchs Brandenburger Tor ging, begannen die Besucher auf den Tribünen auf der Westseite frenetisch zu jubeln. „Die Zuschauer haben mich auf der Strecke nach vorne geschrieen, ich wusste gar nicht was ich machen sollte, ich konnte ja nicht schneller.“ Bei Kilometer zwölf probierte es Höhne noch einmal mit höherer Geschwindigkeit. „Ich habe versucht, das Tempo hochzuhalten.“ Seine Gegner waren bei Temperaturen um die 28 Grad jedoch auf dieselbe Idee gekommen, Höhne konnte kaum noch Boden gut machen. „Die letzten 1000 Meter waren noch einmal richtig hart. Aber da habe ich mir gedacht: Sind doch nur noch vier Minuten von einer Stunde und zwanzig.“ Sein Kreislauf machte ihm zu schaffen. „Da konnte ich aufgrund der Temperaturen nichts mehr draufpacken.“

Derweil stand schon der erste Titelträger dieser Weltmeisterschaften fest, er kommt aus Russland und heißt Waleri Bortschin. Die erste Hälfte des Rennens hatte sich der 22-Jährige noch zurückgehalten, dann zog er nach vorne. Einen Begleiter hatte er noch, den Chinesen Wang Hao, aber auch ihn schüttelte er ab, im Ziel hatte er dann 25 Sekunden Vorsprung auf ihn, Bortschin brauchte 1:18:41 Stunden, Dritter wurde Mexikaner Eder Sanchez. Am Brandenburger Tor bekamen die drei erst einmal einen Strauß Blumen überreicht, ihre Medaille warteten abends im Olympiastadion. Im Gehen hat Bortschin einen Namen, in Peking wurde er im vergangenen Jahr Olympiasieger über 20 Kilometer. 2005 war er für ein Jahr gesperrt, nachdem in einer Dopingprobe Ephedrin gefunden worden war.
  
Was er davon hielt, einen Geherwettbewerb bei einer WM erstmals ganz außerhalb des Stadions auszutragen? „Es hat Vorteile und Nachteile. Der Vorteil ist, dass man sich nicht umstellen muss vom Stadionbelag auf Asphalt. Aber ein Nachteil war, das es hier zwei unterschiedliche Böden gibt, Asphalt, der ist gut zum Gehen, und Pflastersteine, die sind schlecht.“

André Höhne ließ dagegen nichts auf seine Stadt kommen. „Berlin hat sich von seiner besten Seite gezeigt, als richtige Sportstadt““, sagte er, „wir werden hier eine tolle WM erleben.“ Einen Auftritt dabei hält er sich auch noch offen, die 50 Kilometer am Freitag. „Jetzt werde ich erstmal zwei Tage die Beine hochlegen und mich dann entscheiden.“ Der Gedanke an die Zuschauer wird die Aussicht auf 50 heiße Kilometer bestimmt etwas angenehmer erscheinen lassen.

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