Sport : Geist geht vor Körper

Die Nationalspieler der Bayern bekommen vom Bundestrainer noch einen Tag Sonderurlaub.

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München liegt nicht in Südfrankreich. Toni Kroos, Manuel Neuer, Jerome Boateng und Mario Gomez (von links) reisen erst in ein paar Tagen zur Nationalmannschaft. Foto: AFP
München liegt nicht in Südfrankreich. Toni Kroos, Manuel Neuer, Jerome Boateng und Mario Gomez (von links) reisen erst in ein paar...Foto: AFP

André Schürrle hat der Weltöffentlichkeit dieser Tage einen exklusiven Einblick in die süße Welt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gewährt. Der Offensivspieler aus Leverkusen logiert gerade in einem Golfhotel in Südfrankreich, das immer noch mehr Sterne hat als die Champions-League-Trikots der Bayern auf der Brust. Zimmer und Essen seien sehr gut, der Trainingsplatz sogar überragend, berichtete Schürrle, allein das Wetter in der Provence entspricht noch nicht den höchsten Ansprüchen. Doch auch da sind die Aussichten für die kommenden Tage deutlich besser. Beim Vormittagstraining am Dienstag fühlte sich der Regen zumindest schon ein bisschen wärmer an.

Menschen mit depressiver Verstimmung war Tourrettes, der gegenwärtige Aufenthaltsort der Nationalmannschaft, in den vergangenen Tagen nicht unbedingt als Reiseziel zu empfehlen. Dicke graue Wolken hingen in den Hügeln, seit Sonntagmittag hat es quasi in einem fort geregnet. Insofern war es fast schon eine glückliche Fügung, dass die Nationalspieler des FC Bayern München am gestrigen Abend noch das weltbewegende Freundschaftsspiel gegen die holländische Nationalmannschaft bestreiten mussten. Der anhaltende provencalische Landregen hätte ihnen sonst vermutlich endgültig den Rest gegeben.

Neben der Schulung des Defensivverhaltens ist Rücksichtnahme gerade ein großes Thema bei der Nationalmannschaft. Auch am dritten Tag nach ihrer Niederlage im Finale der Champions League ging es immer noch um die traumatisierten Bayernspieler und ihre möglichst schonende Wiedereingliederung in den Kreis der Nationalmannschaft. Ursprünglich sollten die acht Münchner am Freitag im Quartier in Tourrettes eintreffen; jetzt erhalten sie noch einen weiteren Tag Aufschub. Zu diesem Ergebnis war die sportliche Leitung gekommen, nachdem sie lange überlegt und sich auch mit den betroffenen Spielern beraten hatte.

Der neue Plan hat den Vorteil, dass die Münchner am Samstag nicht allein im Teamhotel in Südfrankreich hocken müssen, während ihre Kollegen in Basel ihr Testspiel gegen die Schweiz (18 Uhr, live im ZDF) bestreiten. Am Sonntag steht dann gleich ein Ausflug mit dem gesamten Team zum Formel-1-Rennen ins nur etwa hundert Kilometer entfernte Monaco an. „Von daher haben sie einen guten Einstieg“, sagt Hans-Dieter Flick, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw.

Für das Spiel in Basel waren die Münchner ohnehin nicht eingeplant. Allenfalls über einen Einsatz von Holger Badstuber, der im Finale der Champions League gegen Chelsea gesperrt war, hatte das Trainerteam nachgedacht. Doch selbst von dieser Idee hat Löw Abstand genommen. „Alle Spieler sollen am Samstag kommen, das ist für alle die richtige Entscheidung“, berichtete Flick. „Die Bayern müssen jetzt erst einmal die Köpfe freibekommen.“ Die Pflege der Psyche wird bei der Nationalmannschaft in diesen Tagen für wichtiger erachtet als mögliche Einbußen bei der körperlichen Fitness.

Doch wie man die geschundene Seele der Bayern richtig pflegt, darüber sind die Meinungen im Kreis der Nationalmannschaft offenbar auseinandergegangen. „Der Abstand ist immer ganz wichtig“, sagt Hans-Dieter Hermann, der Sportpsychologe der Nationalmannschaft. Man müsse den Münchnern Zeit geben, damit sich die Dinge setzen könnten. Teammanager Oliver Bierhoff hingegen hätte eine frühere Anreise befürwortet: „Ich glaube, dass man in einer fremden Umgebung viel besser ab- und umschalten kann. Zu Hause wird man doch immer wieder mit dem einen Thema konfrontiert.“

Einig aber sind sie sich beide, dass der Orts- und Luftwechsel den Münchnern guttun wird: Ab Samstag werden sie nicht mehr in die ebenfalls enttäuschten Gesichter ihrer Vereinskollegen blicken müssen, sondern Teil einer ambitionierten Gemeinschaft mit einem großen Ziel sein. Hans-Dieter Hermann setzt daher auch weniger auf Einzelgespräche mit den Münchnern als auf den heilsamen Einfluss der Gruppendynamik. „Wir werden die Bayern in diesen Spirit mit aufnehmen, den wir für die EM haben“, sagt er, „und ich bin mir ganz sicher, dass sie sich auch schnell darauf einlassen.“

Die Bayern, die in dieser Saison nun schon dreimal Zweiter geworden sind, bekommen in diesem Jahr sozusagen eine Bonus-Chance auf einen Titel. Oliver Bierhoff erwartet sie daher bei der EM noch hungriger, als sie es ohnehin schon wären. Und auch Hans-Dieter Hermann kann sich gut vorstellen, dass sich das persönliche Leid der Münchner noch in einen kollektiven Vorteil wendet: „Wenn es Auswirkungen hat, dann eher die, dass die Bayern sagen: Jetzt erst recht.“

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