Sport : Geknickter Abschied

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Von Markus Hesselmann

Berlin. Tief in der Nacht hat es Rudi Assauer übermannt. Der Manager des FC Schalke 04 stand schluchzend auf der Bühne im Festsaal des Steigenberger-Hotels in Berlin. Beim Bankett des DFB-Pokalsiegers waren die Jacketts längst beiseite gelegt, die Krawatten gelockert und die Hemdsärmel aufgekrempelt. „Ich bin stolz auf euch“, stammelte Assauer, der bekennende Macho, mit tränenerstickter Stimme. Dann rief er einen seiner Helden nach dem anderen zur Verabschiedung auf: die Trainer Huub Stevens und Holger Gehrke, die am 1. Juli bei Hertha BSC anfangen. Danach die Spieler Jiri Nemec, Olaf Thon, Michael Büskens, Yves Eigenrauch, Youri Mulder und einige mehr.

Sie alle waren 1997 dabei, als Schalke überraschend den Uefa-Pokal gewann und sich mit diesem Titel vom Ruf des Skandalklubs befreite. Sie alle halfen mit, aus Schalke schon fast einen Erfolgsklub zu machen. Mit dem 4:2 über Bayer Leverkusen gelang jetzt die Verteidigung des DFB-Pokals. Das schaffte zuletzt Fortuna Düsseldorf in den Jahren 1979 und 1980.

Viele Tränen sind in diesen entscheidenden Tagen wieder auf Fußballplätzen vergossen worden. Von Jürgen Kohler, der sich in Dortmund mit der Meisterschaft verabschiedete. Vor allem aber von Reiner Calmund, dem Manager von Bayer Leverkusen, dem Verein, der in Deutschland am schönsten verliert. In Assauers Tränen mischten sich Schmerz und Erleichterung. Schmerz über das Ende einer erfolgreichen Ära. Erleichterung über das Ende einer schwierigen Saison. Nach einer Besorgnis erregenden Hinrunde qualifizierten sich die Schalker noch für den Uefa-Cup. Mit einem Trainer, der seinen Wechsel zu Hertha BSC früh angekündigt hatte. Doch Huub Stevens wollte zeigen, dass nicht jeder Trainer auf Abruf auch eine Lahme Ente sein muss. Was zu beweisen war.

Im Pokalfinale mussten noch einige andere Schalker sich und anderen etwas beweisen. Jörg Böhme drehte das Spiel mit seinem genialen Freistoß zum 1:1 kurz vor der Halbzeit. Er zeigte Rudi Völler, dass er vielleicht einen Fehler gemacht hat, den Schalker in gut zwei Wochen nicht mit zur Weltmeisterschaft nach Asien zu nehmen. Seine Enttäuschung über die Entscheidung des Teamchefs hatte Jörg Böhme schon geäußert. Gestern war ihm etwas anderes wichtig: „Ich hoffe, dass die Fans jetzt sehen, wie gut Victor Agali ist.“

Der nigerianische Stürmer hatte es schwer auf Schalke, wo Ebbe Sand und Emile Mpenza der Inbegriff eines Sturmduos sind, so wie es früher in den Siebzigerjahren einmal Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik waren. Durch seine oft staksig und manchmal ungeschickt wirkende Spielweise wurde Agali schnell zum Buhmann für die Anhänger. „Es fällt mir schwer, damit umzugehen“, sagt der Nigerianer. „Ich liebe das Spiel mit dem Ball und brauche Spaß auf dem Platz.“ Der junge Stürmer muss sich da durchkämpfen. Nach seinem Tor zum 2:1 im Pokalfinale gibt es Hoffnung für den 23-Jährigen. Schon in seiner Zeit bei Hansa Rostock war Victor Agali der Mann für die wichtigen Tore. Und auf Schalke sind auch schon andere den Weg vom Verlierer zum Kultstar gegangen.

Selbst Rudi Assauer galt hier mal als Versager. Zu Zeiten der Zweitklassigkeit.

Jetzt ist Schalke ohne Assauer kaum vorstellbar. Sein Lehrling Andreas Müller soll den Job in ein paar Jahren übernehmen. Eine große Aufgabe. Kaum ein Manager ist so nah an der Mannschaft wie der Schalker. Kaum einer hat einen solchen Einfluss auf die sportlichen Entscheidungen. Als Huub Stevens im Pokalfinale auf die Tribüne geschickt wurde, coachte Assauer einfach weiter. Er sitzt ja ohnehin immer mit vorn auf der Trainerbank. „Der Manager hat viel gestikuliert und gerufen“, sagt Marco van Hoogdalem.

Der holländische Abwehrspieler sorgt sich deshalb nicht um die nahe Zukunft der Schalker, die vom jungen und unerfahrenen Trainer Frank Neubarth geprägt werden soll. „Wenn das mit Neubarth als Trainer schief geht“, sagt Marco van Hoogdalem, „dann kann der Manager diesen Job ja auch noch machen.“

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