Sport : Gelernte Schmerzen

Mit seiner Erfahrung als Triathlet will Falk Cierpinski beim Berlin-Marathon der schnellste Deutsche sein

Frank Bachner

Berlin - Falk Cierpinski trägt ein graues Sweatshirt, es ist nicht körperbetont und verbirgt deshalb, wie dünn seine Arme geworden sind. Man kann es nur ahnen, weil er es sagt. „Ich habe Muskeln an den Armen verloren. Dafür habe ich Muskeln an den Beinen hinzugewonnen.“ So ist das jetzt bei Falk Cierpinski. Es hat sich nicht allzu viel verändert, aber das Wenige ist bedeutsam genug für ihn. Der 30-Jährige hat seine sportliche Erfüllung gefunden. Er ist kein Triathlet mehr, er ist nun Marathonläufer.

Er ist sogar der derzeit beste deutsche Marathonläufer, mit 2:15:48 Stunden führt er die deutsche Rangliste an. Beim Berlin-Marathon am Sonntag will er die 2:15-Stunden-Grenze unterbieten, mehr interessiert ihn nicht. Im Feld der Marathon-Stars ist er Statist, doch das stört ihn nicht. Im Triathlon hat er es nicht einmal an die deutsche Spitze geschafft. Deshalb hatte er 2007 seinen letzten Triathlon absolviert, aber das war schon kein reiner Triathlon mehr. Der Wettbewerb war Teil von „München Hero“, einer Kombination aus Triathlon im Juli und Marathon im Oktober. Cierpinski gewann die Kombination zeitgleich mit dem Dänen Rasmus Ahlfors, sie teilten sich deshalb den Jackpot von 20 000 Euro. Da hatte er jedoch längst beschlossen, auf den Marathon umzusteigen. Sein letzter Triathlon, im August 2006, war frustrierend genug. Cierpinskis Fahrrad hatte einen Platten, danach wäre er beim Laufen auf dem Rundkurs in Hamburg fast noch überrundet worden. Das war das Ende seiner Triathlon-Laufbahn.

Das wusste er damals nur noch nicht. Das wusste er erst, nachdem er in Sydney seinen ersten Marathon absolviert hatte. Er war aus Spaß gelaufen, weil die Triathlon-Saison für ihn zu Ende war. Der australische Veranstalter ist ein Freund von ihm, er hatte ihn eingeladen. Cierpinski lief auf Anhieb 2:24:47 Stunden. Es hatte Spaß gemacht, Cierpinski beschloss, dabeizubleiben. Er hätte natürlich auch in Deutschland laufen können, „aber bei meinem Nachnamen ist das nicht so einfach“. Waldemar Cierpinski ist zweimaliger Marathon-Olympiasieger, er war ein Idol in der DDR. Waldemar Cierpinski ist Falk Cierpinskis Vater und jetzt auch sein Trainer. „Wenn ich beim Marathon antrete, wecke ich Erwartungen, die ich nicht erfüllen kann“, sagt der Sohn. Jedenfalls konnte er sie nicht als Marathon-Neuling erfüllen. Er hat das ein paar Mal erlebt, als er in den östlichen Bundesländern lief. Da trat er gegen Leute an, die ein Jahrzehnt Marathon-Erfahrung hatten. Die freuten sich wie kleine Kinder, wenn sie ihn, den Sohn der Marathon-Legende, besiegt hatten.

Das nahm er noch gelassen. Aber manchmal, sagt er, traf er auf ein Verhalten, „das krank war“. Bei einem kleinen Triathlon zwei Wochen vor dem Münchner Triathlon zum Beispiel. Da wollte Cierpinski eigentlich nur seine Form testen, er nahm den Wettbewerb nicht sonderlich ernst. Ein paar Leute seines alten Vereins SV Halle schon. Die betrachteten Cierpinskis Wechsel zum Triathlon als „Verrat“. Für den SV Halle war Cierpinski noch als Triathlet gestartet, jetzt läuft er für die SG Spergau. Also organisierten ein paar seiner früheren Vereinskollegen die Niederlage des Falk Cierpinski. Einer wurde als potenzieller Sieger bestimmt, die anderen fungierten als seine Helfer. Jeweils einer gab ihm beim Radfahren und beim Laufen Windschatten, im Wasser half ihm ein Dritter. Cierpinski verlor erwartungsgemäß.

Aber eigentlich steht Falk Cierpinski, der an der Fernuniversität Hagen Betriebswirtschaft studiert, über solchen Dingen, dafür ist er zu abgeklärt und auch schon lange genug Marathonläufer. Und der Marathonläufer Cierpinski profitiert von seinen Erfahrungen als Triathlet. Da hat er wahre Trainingshärte gelernt, er lernte, enorme Schmerzen zu ertragen. Vielleicht ist das der Unterschied zu anderen deutschen Marathonläufern, vielleicht stieß er deshalb so schnell an die deutsche Spitze. Und das, sagt Cierpinski, ist ja erst der Anfang. Irgendwann „will ich unter 2:10 laufen“. Unter 2:09:55 Stunden wäre sogar ein hochsymbolischer Erfolg. Das ist die Bestzeit seines Vaters.

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