Sport : Gendoping: Warnung vor Manipulationen der Erbanlagen im Sport

Geklonte Weltmeister und Olympiasieger aus dem Genlabor sind (noch) Utopie, aber der weltweite Wettlauf um "die Medaille aus der Retorte" ist voll im Gange. Dies sagte Professor Klaus Müller, der Leiter des IOC-Kontrolllabors in Kreischa, bei einem Vortrag in Berlin. "Genmanipulationen im Sport sind zwar noch nicht Praxis. Aber das ist etwas für die nähere und mittlere Zukunft. Wir müssen uns damit befassen." Müller, Mitglied der medizinischen Kommission in der Anti-Doping-Weltagentur (Wada), plädierte dafür, Gendoping in die Verbotsliste des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufzunehmen. Dafür müsse die Wada-Konferenz im Herbst in New York die Weichen stellen.

Die Horrorvision vom gezüchteten Athleten, bei dem die Erbmasse vor der Geburt verändert wird, schloss er allerdings aus. "Das gehört eher in den Bereich der science fiction", sagte Müller. "Selbst wenn es gelingen würde, das Genom von Boris Becker komplett zu dechiffrieren, könnte man keinen zweiten Wimbledonsieger klonen. Da gehört viel mehr dazu." Am ehesten einstellen müsse man sich auf Manipulationen an Organen und Geweben des menschlichen Körpers zum Zwecke der Leistungssteigerung. Wobei der Unterschied zwischen diesem Szenario und dem herkömmlichen Doping mit nicht genetischen Substanzen Müller zufolge so groß ist wie der zwischen einem Bleistift und einem Computer.

"Wenn körpereigene natürlich Prozesse beeinflusst werden, dann handelt es sich um hochkomplizierte Mechanismen. Mit der Einnahme von Tropfen oder Tabletten ist das nicht zu machen", sagte Müller. Er wollte dies als Warnung für die Athleten verstanden wissen, sich gar nicht erst auf das Feld indizierter Viren und verpflanzter Gene vorzuwagen, was in der Landwirtschaft bereits akzeptierte Praxis ist. Effekte im Sport bringe der Missbrauch gentherapeutischer Ansätze ohnehin nur in Bezug auf Muskelbildung und Veränderungen des Blutes, um die Sauerstoffversorgung zu verbessern. Das soll demnächst mit der körpereigenen Produktion der Modedroge Erythropoietin (Epo) erreicht werden, neueste "Errungenschaft" beim traditionellen Hormondoping.

Manche Methode des Gendopings, die in der Medizin schon in extremen Fällen eingesetzt wird, um Patienten das Leben zu retten, wäre laut Müller im Sport "schon jetzt theoretisch anwendbar. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass jemand dieses tödliche Risiko eingehen würde."

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