Sport : Genie ohne Manieren

Jos Verbeeck ist die schillernde Figur bei den Trabern und in Mariendorf ein Favorit

Heiko Lingk

Berlin. Sulkyfahren will gelernt sein. Deshalb hat der Rennverein Mariendorf rechtzeitig zum Adbell-Toddington-Rennen am Sonntag eine Traber-Akademie eröffnet. Zukünftig kann jeder Interessierte den Geschwindigkeitsrausch gegen Bezahlung unter fachkundiger Anleitung selber testen. Benannt wurde die ungewöhnliche Ausbildungsstätte nach einem Großen der Zunft: dem 1999 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückten Gottlieb Jauß. Der 16-fache Berliner Champion hatte mit seinem Pferd Tornado Hannover das Adbell 1988 gewonnen und mit diesem Erfolg die Weichen in Richtung Derby-Sieg gestellt.

Zu der 80. Auflage des mit 30 000 Euro dotierten Rennens kommt am Wochenende ein Profi nach Berlin, der für alle Anfänger im Sulky der beste Lehrmeister wäre: Der Belgier Jos Verbeeck ist der schillernde Star der Sulkyszene. Vier Siege im Pariser Prix d’Amerique schufen seinen Ruf als legendärer „Hexer“. Dabei ist es völlig unwichtig, welches Pferd Verbeeck gerade steuert. Denn der 46-jährige, der pro Saison rund drei Millionen Euro Prämie einfährt, zieht alleine schon durch sein provozierendes Auftreten größeres öffentliches Interesse auf sich. Nach dem Start mit Abano As am letzten Sonntag in Stockholm wurde der extrovertierte Lebemann mit einer Schlägerei in Verbindung gebracht. Angeblich hatte er einen Taxifahrer nach dem nächtlichen Restaurantbesuch tätlich angegangen. Zwar erwies sich der Vorwurf letztlich als haltlos, doch die größte schwedische Tageszeitung „Aftonbladet“ räumte für die Skandalmeldung fast ihre komplette Titelseite frei.

Kein Wunder, denn Verbeeck ist ein Mann, der sich an keine Regeln hält. Auch nicht auf dem Platz. Seine Geniestreiche im Sulky sind kaum erklärbar. Mit irrer Hasardeur-Taktik gewinnt der Profi Rennen, die außer ihm keiner gewinnen kann. Egal, wie die Papierform seines Pferdes aussieht, mit dem Belgier als Fahrer ist ein Traber immer gefährlich. Genau diese Regel scheint auch für seinen Start im Adbell-Toddington-Rennen zu gelten.

Denn Verbeecks dreijähriger Hengst Scampolo As ist in dem Feld der elf Teilnehmer nicht der klare Favorit. Sicher, der Braune verfügt über eine interessante Abstammung: seine Mutter Sunset Lane war 1994 sogar Derby-Siegerin. Doch selbst für Besitzer Alwin Schockemöhle ist Scampolo As neben Herkules As (mit Heinz Wewering) nur eine von zwei Stall-Alternativen. „Vom Können her tun sich beide Pferde nichts“, sagt Schockemöhle. „Schwer zu sagen, wer der Bessere ist.“

Ohnehin ist das Teilnehmerfeld ausgeglichen, tritt fast jeder der Gegner von Campolo As mit reellen Siegchancen an. Die Mariendorfer Zuschauer wird dies kaum irritieren: Wenn sich das Startauto in Bewegung setzt, werden sie die meisten Wetteinsätze auf Verbeeck platzieren. Und wenn der dann wirklich gewinnt, dann hat er ganz einfach mal wieder gehext.

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