Sport : Genie und Ohnmacht

Timo Boll scheitert an Tischtennis-Senior Waldner

Friedhard Teuffel

Für das Viertelfinale schien Timo Boll das große Los gezogen zu haben. Er durfte gegen Jan-Ove Waldner spielen, den 38 Jahre alten Schweden. Waldner hatte zuvor Ma Lin aus dem Turnier geworfen, Bolls Angstgegner aus China. Doch es war kein großes Los, sondern eine Eintrittskarte für ein Stück Tischtennis-Geschichte. Boll konnte am Tisch erleben, wie Waldner vor dem Ende seiner Karriere noch einmal sein Genie zeigte.

Als hätte man ihn aus der Ruhmeshalle des Tischtennis zurück ins olympische Turnier geholt, besiegte Waldner Boll mit 4:1 Sätzen (11:7, 13:11, 6:11, 11:7, 13:11). Waldner ist längst kein athletischer Spieler mehr, er hat sogar sein Trikot schon eine Nummer größer gewählt, damit man seinen Bauchansatz nicht gleich sehen kann. Aber fast jeder seiner Schläge ist ein kleines Kunstwerk. Vor allem hat er Boll regelmäßig überraschen können. Wenn Boll einen Ball auf seine Rückhand erwartete, spielte ihm Waldner auf die Vorhand. Hatte sich Boll auf einen kurzen Ball eingestellt, landete auf einmal ein langer auf seiner Tischhälfte.

Boll wusste hinterher, dass er nicht nur ein tapferer Verlierer in diesem olympischen Viertelfinale war, sondern auch Zeuge eines genialen Auftritts. „Waldi ist der Größte, das Match war wirklich ein Erlebnis – für mich leider ein etwas trauriges.“ Seinen 15 Jahre älteren Gegner brachte Boll jedenfalls viel Bewunderung entgegen: „ Er hat fast ansatzlos gespielt.“

Mit der Rückkehr Waldners hatte Boll nicht mehr gerechnet. Seinen Höhepunkt hatte der Schwede schließlich längst hinter sich. Ende der 80er-Jahre durchbrach Waldner als erster Europäer seit Jahren die Herrschaft der Chinesen: Er wurde 1989 Weltmeister und 1992 Olympiasieger. Sein Niveau hielt Waldner bis zur Jahrtausendwende. In den vergangenen Jahren konnte der 23 Jahre alte Boll fünfmal gegen Waldner gewinnen und verlor nur dreimal. Trotz des Ausscheidens sieht Boll sein zweites olympisches Turnier als Gewinn. „Ich habe unter anderem gegen Weltmeister Werner Schlager gewonnen. Wegen einer Rückenverletzung konnte ich mich nicht optimal vorbereiten, deshalb kann ich hier voll zufrieden sein.“ In Sydney hatte Boll das Achtelfinale erreicht, in Athen das Viertelfinale, da wird 2008 sein Ziel sicher das Halbfinale sein. Olympia findet in vier Jahren zwar in Peking statt, also im Tischtennis-Land China. Doch Jan-Ove Waldners Spiel ist dann wirklich nur noch Geschichte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben