Sport : Gerhard Mayer-Vorfelder: Wenn der beste Coup als Lebenslüge endet

Martin Hägele

Wie oft sind Gerhard Mayer-Vorfelder die Stunden zwischen dem Abend des 18. April und dem frühen Morgen des folgenden Dienstags durch den Kopf gegangen: sein 25-jähriges Dienstjubiläum als Präsident des VfB Stuttgart? Eine Hommage nach der andern. Die schönste vom ehemaligen Oberbürgermeister Rommel an den Parteifreund und Minister a. D.; die wichtigste von DFB-Chef Egidius Braun; die emotionalste durch seinen Ziehsohn. Es war schon morgens um drei, die meisten Gäste vergnügten sich draußen an der Bar und der Jubilar selbst war bei der Band eingestiegen. Als MV Frank Sinatras "I did it my way" ausgeschluchzt hatte, kniete Christoph Daum vor dem Sänger, eine rote Rose in der Hand. Auch Angelika Camm, die hinter ihrem Lebensgefährten stand, brachte eine Blume.

Irgendwann würden die Drei richtig zusammenkommen. Als Herr und Frau Bundestrainer und Herr DFB-Präsident. Wie ein stolzer Vater präsentierte der mit der Bundestrainersuche beauftragte DFB-Vize nach der Europameisterschaft seinen jüngeren Männerfreund. An seinem Standpunkt gab es keinen Zweifel, selbst als er vor einer Woche den Friedensrichter zwischen Bayer Leverkusen und Bayern München oder zwischen Daum und Manager Hoeneß spielen musste. Anstatt sich aufs Schlichten zu konzentrieren, pflegte der geschäftsführende DFB-Boss in der Nacht davor alte Sitten und alte Feindschaften. Hier ein Schluck, da ein Schluck, von einem Interwiew zum andern, und jedesmal wurden die Männer von Bayern und vor allem Uli Hoeneß zu größeren Schurken. Wie muss es eine Woche darauf im Gemüt dieses Menschen ausgesehen haben, als sein vermeintlich bester Coup als Lebenslüge zusammenbrach.

Der Politiker Mayer-Vorfelder hat im vergangenen Jahr die Kurve gekratzt. Vielleicht im letzten Moment. Oft genug stand "MV" mittendrin im Sumpf, oft genug haben ihn seine roten und grünen Gegner schon angezählt, doch immer wieder konnte er sich befreien, stand am Ende beinahe noch in sauberen Stiefeln da. Seine Parteifreunde rühmten dann wieder mal Mayer-Vorfelders Instinkt. Sich wieder mal rechtzeitig abgesetzt. Oder wieder mal im letzten Moment.

Früher hat sich der Mann mit der Rothändle in der einen und dem Trollinger- oder Champagnerglas in der andern Hand durch eine sensationell schnelle Auffassungsgabe und gnadenlose Diskussionsbereitschaft ausgezeichnet. Doch als aus dem Großen Vorsitzenden vom VfB immer mehr "der Alte" wurde, traute er nur noch denen, die sich über Jahre hinweg bei ihm und seiner Familie eingeschmeichelt hatten. Dass nun seine beiden letzten persönlichen Solonummern, Winfried Schäfer als Trainer beim VfB Stuttgart, Christoph Daum zum DFB, einst als gröbste Fehler in der Karriere des Multifunktiönärs stehen werden, hat mit der Einsamkeit des Menschen Mayer-Vorfelder und dessen Altersstarrsinn zu tun.

Natürlich wird der 67-Jährige das alles ganz anders sehen. Momentan aber tut sich selbst das VfB-Umfeld, das nett und dankbar sein muss für die Verdienste ihres ehemligen Alleinherrschers, andererseits aber darauf hofft, ohne den übermächtigen Patron ein Stück freier zu atmen, recht schwer damit, sich ordnungs- und satzungsgemäß vom Vereinsführer zu trennen. Soll man ihn schon bei der Generalversammlung am nächsten Dienstag zum Ehrenpräsidenten ernennen? Oder erst ein paar Tage später?

Von einer erneuten Kandidatur als Präsident seines VfB Stuttgart hat Mayer-Vorfelder bekanntlich erst im Frühjahr Abstand genommen, weil der nächste DFB-Chef frei und unabhängig sein sollte von einem Bundesliga-Klub. Dass er mal um ein Amt kämpfen müsse, hätte sich Mayer-Vorfelder damals, und im Sommer, und bis vor ein paar Tagen, nie träumen lassen.

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