Sport : Geschichte einer Überschätzung

Stefan Hermanns

Jürgen Kohler hat als Fußballspieler oft genug bewiesen, dass man ihn nicht zu früh abschreiben sollte. Nie ist ihm dies eindrucksvoller gelungen als im Frühjahr 1997, im Halbfinale der Champions League zwischen Manchester United und Borussia Dortmund: Kohler lag wie ein verwirrter Käfer auf dem Rücken, klärte mit der Fußsohle auf der eigenen Torlinie gegen Eric Cantona und sicherte dem BVB dadurch den Einzug ins Finale. Der Spieler Jürgen Kohler war immer dann am besten, wenn er sich gegen Widerstände behaupten musste. Als Trainer ist ihm dieser Instinkt möglicherweise verloren gegangen. Kohler hat nicht gespürt, dass sich beim MSV Duisburg der Widerstand formiert hatte: bei den Spielern, vor allem aber beim mächtigen Vereinschef Walter Hellmich.

Kohlers Geschichte als Trainer ist die Geschichte einer Überschätzung. Vor zwei Jahren nahm der VfB Stuttgart Abstand von einer Verpflichtung des Berufsanfängers Kohler, weil er erstaunlich erwachsene Gehaltsvorstellungen hegte. Kohler ist 1990 als Spieler Weltmeister geworden, das hat – über die aktive Karriere hinaus – sein Selbstverständnis geprägt. Bei seinen früheren Mitstreitern Lothar Matthäus, Pierre Littbarski, Guido Buchwald und Andreas Brehme ist es nicht anders gewesen. Sie haben erst lernen müssen, dass ein großer Spieler nicht automatisch ein großer Trainer wird – und dass sie neben dem Platz mehr arbeiten müssen als früher auf dem Platz. Es gibt also noch Hoffnung für den Malocher Kohler, auch wenn die Hoffnung in nächster Zeit wohl eher in Japan, Österreich oder Serbien zu Hause sein wird.

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