Sport : Gespenstisches Genie

In Dortmund war Amoroso ein Held, jetzt ruiniert er alles

Felix Meininghaus

Ach, mit wie viel Inbrunst haben die Dortmunder Fans gesungen, wenn es darum ging, die Fußballkunst ihres brasilianischen Lieblings zu preisen: „Amoroso, Amoroso, keiner spielt so schön wie Amoroso“, pflegte der Chor der Südtribüne zur Melodie des alten Michael-Holm-Gassenhauers zu schmettern. Nicht viel mehr als ein Jahr ist es her, dass der kapriziöse Star den BVB zur Meisterschaft geschossen hat, doch inzwischen ist die Gemütslage der Anhänger eine völlig andere. Wütend sind sie. Glaubt man den zahlreichen Beiträgen in verschiedenen Internetforen, würden sie Amoroso am liebsten aus der Stadt jagen.

Das Dumme ist nur, dass sich der Stürmer gar nicht in Dortmund befindet. Und genau das ist das Problem. Amoroso ist in Brasilien, er leidet unter Knieproblemen und beruft sich auf sein Recht der freien Arztwahl. Sein Arbeitgeber beharrt darauf, den Profi in Dortmund untersuchen zu lassen. Ein Ultimatum hat Amoroso verstreichen lassen. Als zum Ende der Frist am Dienstag um zwölf Uhr ein Hubschrauber über dem Dortmunder Trainingsgelände kreiste, blickte Trainer Sammer gen Himmel und sagte grinsend: „Schaut her, da kommt er.“

Eine launige Bemerkung war das, dabei hat sich die Affäre Amoroso längst zu einem Skandal ausgeweitet. BVB-Sportmanager Michael Zorc wertet das Verhalten des Stürmers als „schwerwiegenden Vertragsbruch. Wir werden rechtliche Schritte prüfen“. So haben die Dortmunder inzwischen den Fußball-Weltverband Fifa über die Vorkommnisse in Kenntnis gesetzt.

Amoroso riskiert viel. Der Dortmunder Manager Michael Meier verweist darauf, „wie empfindlich die Fifa auf Vertragsbruch reagiert“. So belegte der Weltverband den Argentinier Ariel Ortega von Fenerbahce Istanbul im Juni mit einer Strafe von 9,5 Millionen Euro, worauf dieser seine Karriere für beendet erklärte. Thomas Hüser, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VdV, erklärt zwar, der Fall Amoroso sei „anders gelagert, doch sollte er in eine ähnliche Situation kommen, ist er für sein Leben ruiniert“.

Die Liaison zwischen Borussia Dortmund und Amoroso glich vom ersten Tag an einem Drahtseilakt: Einerseits brauchen sie beim BVB die Tore des Stürmers, um große Ziele anzustreben, auf der anderen Seite verderben seine Launen das Betriebsklima. Auch in den vergangenen Monaten hatte Amoroso seine beiden Gesichter präsentiert. In der Saisonvorbereitung zeigte er sich hoch motiviert. Niemals habe er den Brasilianer so fit erlebt, schwärmte Sammer. Nach seiner Verletzung und dem Rückzug nach Brasilien war das zweite Gesicht da.

In Dortmund vermuten viele Amorosos Umgang als Grund für den Stimmungsumschwung. Der Profi werde von seinem Intimus Nivaldo Baldo aufgehetzt. Der Physiotherapeut und Literatur-Professor hatte schon bei früheren Verletzungen seinen Einfluss auf Amoroso geltend gemacht. Mit der Folge, dass er in Dortmund zur Persona non grata erklärt wurde. Amorosos Anwalt Abib wertete die Ankündigung des BVB, die Fifa einzuschalten, als „Kriegserklärung“.

Vieles deutet darauf hin, das Amoroso den Bogen dieses Mal überspannt hat. „Marcio ist in der Mannschaft isoliert“, sagt Zorc.

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