Sport : Gestrandet auf der Insel

Berti Vogts holt mit Schottland einen Punkt auf den Färöern – gegen eine Auswahl von Lehrern und Eiscremelaster-Fahrern

NAME

Von Detlef Dresslein

Toftir. Lange nach ihrem peinlichen Auftritt mit einem reichlich glücklichen 2:2 gegen die Färöer saßen die Spieler der schottischen Nationalmannschaft an den einfachen, mit Wachstüchern überzogenenen Tischen im Sportheim des B63 Toftir. Einige kauten gedankenarm an einem Stück Weißbrot und warteten auf die Fleischbällchensuppe. Andere wirkten irgendwie verstört. Ihr Trainer Hans-Hubert Vogts stand derweil weit weg in einer Ecke und erklärte drei seiner Vorgesetzen, warum man sich nicht nur mit dem einen Punkt bescheiden musste, sondern schlichtweg nichts anderes als eine Niederlage verdient gehabt hätte. Denn die Amateure vom Nordmeer waren die bessere Mannschaft.

Nach exakt zwölf Minuten führten die Färöer mit 2:0. Zwei wunderbar herausgespielte Tore waren das. Die Insulaner waren mittels zwei, drei guter Zuspiele durchs Mittelfeld gelangt, dann folgte je eine präzise Flanke des Eiscremelaster-Fahrers Jakup a Borg auf den Englischlehrer John Petersen, und der schickte den Ball einmal per Kopfball an Schottlands Torwart Robert Douglas vorbei und überwand ihn beim zweiten Tor nicht weniger gekonnt mit dem Fuß. 2:0. Nach zwölf Minuten. Gegen Schottland. Die Spieler der Heimmannschaft konnten es kaum begreifen. Noch nie hatten sie vor der Pause zwei Tore erzielt. Und Stürmer Petersen hatte es bis dahin in vierzig Länderspielen auf gerade drei Treffer gebracht.

Auch die schottischen Fans, die doch so sangesfreudig und trinksicher die Inseln seit fast einer Woche belebt hatten, waren nur noch still und konsterniert. Einige saßen trotz Wind und Nieselregen zusammengesackt im Gras oben auf dem Felsen, der das Stadion überragt, nach dem man ihm vor Jahren die Hälfte weggesprengt hat, um diese drollige Arena hoch über Toftir überhaupt zu errichten. Schon eine Woche vorher hatte sich Berti Vogts über die Wahl des Spielortes aufgeregt, schließlich steht doch in der Hauptstadt Torshavn ein wesentlich angenehmer gelegenes Stadion. „Warum müssen wir hier spielen, während die Deutschen direkt neben dem Hotel antreten dürfen?“, klagte der ewig Unverstandene. Auch verzichtete Vogts auf eine Trainingseinheit am Spielort, was wiederum den Trainer der Färöer, Henrik Larsen, verwunderte: „So etwas habe ich noch nie erlebt."

„After the two-nothing the team was shocked“, erklärte Berti Vogts sich und den Anwesenden hernach am Spieltag das Unerklärliche. Denn Bertis Schotten spielten bis weit in die zweite Hälfte nur so etwas Ähnliches wie Fußball. Die Färöer dagegen schafften es, nach der Führung das Spiel ausgeglichen zu halten,und sie waren insgesamt sogar die spielerisch bessere Mannschaft.

Als wenn das nicht alles genug gewesen wäre, hätte John Petersen das 3:0 erzielen müssen. Er schoss aber aus fünf Metern unbedrängt übers Tor. Nach dem Anschlusstreffer durch Paul Lambert und dem Ausgleich durch Barry Ferguson hatten ein gewisser Andrew av Flotum und ein Hjalgrim Elttor jeweils Chancen, die gerne mal als tausendprozentig klassifiziert werden.

Die schottischen Profis dagegen vergaben ihre wenigen halbgaren Torgelegenheiten jämmerlich.

Henrik Larsen, Europameister mit Dänemark 1992 und Nachfolger von Allan Simonsen als Trainer auf dem 18-Insel-Archipel zwischen Island und Schottland, wusste demnach auch nicht, ob er sich über den an sich sensationellen Punktgewinn freuen sollte. „Wir haben heute zwei Punkte verloren“, sagte er, wobei er zu Recht völlig ernst blieb und keineswegs überheblich wirkte. Sein Kollege Vogts verdrehte sich derweil in verbale Peinlichkeiten. Dass er sich die Leistung auch nicht erklären könne, schließlich habe man doch „zuletzt gut gegen die eigene U-18-Mannschaft gespielt“. Und er fügte an, dass die Schotten vor drei Jahren „mit ihrem besten Team“ ja auch nur ein 1:1 auf den Färöern geschafft hatten.

Berti und die Schotten, das könnte noch eine reichlich anti-spaßige Verbindung werden. Der schottische Verband sah zwar am Sonntag nach dem Spiel keinen Grund zur Ablösung von Vogts. Aber in dieser Verfassung ist sein Team höchstens für glückliche Unentschieden gut. Seit Berti Vogts im März mit einem Vierjahresvertrag ausgestattet wurde, hat er bis zum Desaster auf den Färöern schon fünf Mal verloren, mit einer Bilanz von 2:14 Toren. Einzig gegen eine Stadtauswahl von Hongkong, von einem britischen Fachblatt als „Auswahl von Metzgern, Bäckern und Kerzenmachern" klassifiziert, gelang ein Sieg. Aber wie sagte doch Vogts zum Abschied aus Toftir: „Ich habe keine Probleme. Das einzige Problem ist das Ergebnis."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben