Sport : Gestürzte Hoffnung

Der Skispringer Michael Uhrmann bricht sich den Mittelfuß und fällt für die Nordische Ski-WM aus

Marc Beyer[Sapporo]

In den Schilderungen fehlte hinterher nicht der Hinweis, es sei ein sehr weiter Flug gewesen, den Michael Uhrmann da hingelegt hatte. 131 Meter genau, aber das hatte nur noch statistische Bedeutung. Am Ende seines weiten Fluges stand eine verunglückte Landung – und wenig später die Gewissheit, dass die deutschen Skispringer bei der Nordischen Ski-WM in Sapporo auf ihren Besten verzichten müssen.

Der 28-jährige Uhrmann, der aus dem Bayrischen Wald stammt, zog sich bei seinem Sturz auf der Okurayama-Schanze einen Mittelfußbruch zu. Für ihn ist nicht nur die Weltmeisterschaft beendet, bevor sie begonnen hat, sondern die gesamte Saison. Auch wenn es keinen geeigneten Zeitpunkt für Verletzungen gibt – dieser muss Uhrmann besonders tragisch erscheinen. Er war in bestechender Form nach Japan gereist, mit einem Sieg (Oberstdorf), zwei weiteren Podestplätzen (Oberstdorf, Willingen) und einem fünften Rang (Klingenthal) im Gepäck. Dann machte er sich auf zu seinem zweiten Trainingsflug in Sapporo, der wie eine Bestätigung seiner glänzenden Verfassung aussah. Bis er im Neuschnee landete, ins Stocken geriet und bei voller Fahrt seitlich nach vorn fiel. Ähnlich war er vor drei Wochen beim Weltcup in Titisee-Neustadt gestürzt, doch da kam er noch einmal glimpflich davon. Mit Prellungen ging er am nächsten Tag wieder an den Start und wurde Neunter.

Die erste Diagnose – eine Schuhrandprellung – ging auch gestern in diese Richtung, doch die enormen Schmerzen ließen bereits Schlimmeres vermuten. Das Röntgenbild brachte die Gewissheit, dass es das deutsche Team nach dem Kreuzbandriss von Michael Neumayer erneut böse erwischt hat. „In dieser Saison haben wir die Seuche“, befand Bundestrainer Peter Rohwein. „Das ist extrem bitter für Michael und ein Schock für die ganze Mannschaft.“

In erster Linie ist es ein Schock für den Bayern, der sich nach schwachem Saisonbeginn ernsthafte Chancen auf eine WM-Medaille ausrechnen durfte. Hauchdünn hatte er vor einem Jahr in Pragelato als Vierter eine Olympiamedaille auf der Normalschanze verpasst, in Sapporo wollte er das Versäumte nachholen. Uhrmanns Ergebnisse der vergangenen Wochen hatten die oft enttäuschenden Leistungen der anderen deutschen Springer kaschiert und auch den Druck auf den Bundestrainer reduziert. Nun müssen sich die Kollegen schnell fangen und sich für das Springen von der Großschanze am Samstag sowie für den Teamwettbewerb tags darauf neu sortieren.

Schon mit Uhrmann waren die Aussichten nicht rosig. Neben den gesetzten Martin Schmitt und Jörg Ritzerfeld wird Rohwein nun gleich zwei Springer aus einem Kreis berufen müssen, deren Mitglieder zuletzt nicht erste Wahl waren oder nur zum Schnuppern nach Japan geflogen sind: Der dauerkriselnde frühere Olympiasieger Stephan Hocke gehört dazu sowie die beiden Junioren Kevin Horlacher (17) und Tobias Bogner (16). Unter widrigen Umständen werden sie zu retten versuchen, was zu retten ist.

Am Rande geht es in Sapporo noch um mehr als Plätze und Weiten. Der Boom um die Jahrtausendwende brachte dem Deutschen Skiverband (DSV) einen lukrativen Fernsehvertrag ein, der nach dieser Saison ausläuft. Und obwohl andere Sparten wie Biathlon den Skispringern längst den Rang abgelaufen haben, haben die TV-Manager weiterhin großes Interesse an spektakulären Sprüngen. Ein gutes Ergebnis in Sapporo wäre dafür hilfreich.

Michael Uhrmann muss sich damit nicht mehr befassen. Ihn beschäftigt, ob außer dem Mittelfuß noch etwas verletzt ist und ob er operiert werden muss. Bereits heute tritt er den Rückflug an. Wenn in Sapporo die Skisprung-Wettbewerbe beginnen, ist er längst daheim.

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