Sport : Getrieben vom eigenen Mythos

Nach fünf Jahren Pause versucht sich Australiens Schwimm-Held Thorpe schlecht trainiert und übergewichtig an einem Comeback.

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Athletisch sieht anders aus. Ian Thorpe wirkt bei der Olympia-Qualifikation alles andere als austrainiert.
Athletisch sieht anders aus. Ian Thorpe wirkt bei der Olympia-Qualifikation alles andere als austrainiert.Foto: AFP

Eigentlich war schon in Zürich alles klar. Zürich, das war das letzte Signal, dass die Geschichte wohl schiefgehen würde. In Zürich schwamm Ian Thorpe seinen letzten Test vor dem großen Auftritt. Nach quälend langen 52,28 Sekunden schlug er über 100 Meter Freistil endlich an, eine erschütternde Zeit, meilenweit von seiner Bestmarke (48,52) entfernt. Thorpe wurde Vierter, selbst der international wenig bedeutende Flori Lang aus der Schweiz war schneller. Mit seinem Coach Dirk Lange, bis Dezember Bundestrainer, sprach Lang über das Rennen. Zu Thorpes Leistung sagte er: „Erschreckend.“

Am Samstag im Aquatic and Leisure Centre in Adelaide, Australien, war es noch viel erschreckender. Diesmal lieferte ein fassungsloser Thorpe selbst den Kommentar. Die Journalisten in der Halle hörten, wie der populärste Schwimmer seines Landes stöhnte: „Das Märchen ist zu einem Albtraum geworden.“ In Ziffern liest sich der Albtraum so: 1:49,16 Minuten. So lange hat Thorpe im Halbfinale gebraucht, bis er nach 200 Meter Freistil endlich anschlagen konnte. Bei der Olympiaausscheidung reichte das nicht mal für den Finaleinzug. Ein Denkmal droht krachend vom Sockel zu stürzen.

Der 29-Jährige hatte noch die Chance, sich über 100 Meter Freistil zu qualifizieren, für die Staffel zumindest. Eine theoretische Chance, die Konkurrenz über 100 Meter ist noch härter als die über 200 Meter.

Nach den 200 Meter Freistil stand eine Nation unter Schock. Dieselbe Nation, die Adelaide noch in fiebriger Erwartung entgegengesehen hatte. „Eine Nation hält den Atem an“, hatte der „Daily Telegraph“ vor der Qualifikation geschrieben. Diese Unruhe hatte Australien, diese Schwimm-Nation, schlagartig am 2. Februar 2011 erfasst. An jenem Tag kündigte Ian Thorpe in einem Hotel in Sydney sein Comeback an und seinen Plan, bei den Olympischen Spielen 2012 zu starten. Im selben Hotel hatte er fünf Jahre zuvor seinen Rücktritt erklärt.

Thorpe ist fünfmaliger Olympiasieger, er hat elf WM-Titel gewonnen und 22 Weltrekorde aufgestellt. Sein Weltrekord von 3:40,08 Minuten über 400 Meter Freistil hielt sieben Jahre lang. Bis Paul Biedermann eine Hundertstelsekunde schneller schwamm. Thorpe ist in Australien ein Mythos. Er trat zurück, weil er den Rummel um seine Person nicht mehr ertragen konnte. Er zog nach Los Angeles, schrieb ein Kochbuch, engagierte sich für wohltätige Zwecke, versuchte sich als Geschäftsmann.

Und dann der 2. Februar 2011. Warum? „Weil ich Schwimmen einfach liebe“, hat Thorpe gesagt. Ein netter Satz, der furchtbar naiv klang. Ian Thorpe kann nicht einfach zurückkommen und einen Olympiaeinsatz planen, nur weil er gerne schwimmt. Thorpe muss Gold holen, wenigstens aber eine Medaille. Etwas anderes ist völlig unvorstellbar für Medien, Fans und Sponsoren. Thorpe weiß das natürlich selbst, er hat ja die gleichen Ansprüche. Der echte Grund, warum er dieses Risiko eingeht, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht ist einer wie er Getriebener seines eigenen Mythos’.

Nahezu alles sprach gegen ein standesgemäßes Comeback, wie es einem Thorpe zusteht. Dirk Lange sagt: „Ich hatte schon bei Britta Steffen gesagt, dass es sehr schwer ist, wieder in die Weltspitze zurückzukommen.“ Die Doppel-Olympiasiegerin Steffen pausierte nur 15 Monate. Thorpe hatte 20 Kilogramm abgenommen, aber austrainiert ist er nicht mal in Adelaide. Er hatte immer eine enorme Grundschnelligkeit, das war seine Stärke, diese Schnelligkeit ist jetzt weg. Und weil ihm die Zeit fehlte, um sich auf die 400 Meter Freistil vorzubereiten, konzentriert er sich auf 100 und 200 Meter Freistil. Strecken, auf denen die Grundschnelligkeit enorm wichtig ist. „Das ist so, als würde Haile Gebrselassie wieder vom Marathon auf die 5000 Meter zurückwechseln“, sagt Lange.

Thorpe zog sich an den Lago Maggiore zurück, ins Dorf Tenero. Dort betreut Gennadi Touretski die Schweizer Nationalmannschaft. Touretski trainierte mal die Schwimm-Legende Alexander Popow, jetzt sollte er Thorpe zur Weltklasse zurückführen. Doch alle Testrennen vor Adelaide verliefen ernüchternd bis erschreckend. In Australien fieberten Fans und Medien trotzdem der Olympiaqualifikation entgegen. Die Fernsehanstalten hatten in den vergangenen Jahren, als Australien die alte Herrlichkeit etwas eingebüßt hatte, sinkende Einschaltquoten. Jetzt schnellten sie wieder nach oben. Und die Sponsoren hatten wieder eine Werbeplattform.

Nur einige Mitglieder der Nationalmannschaft waren ziemlich angesäuert. Thorpes Comebackversuch verschlang rund 80 000 Euro. So viel kostete seine Vorbereitung mit Touretski in der Schweiz. Andere Spitzenathleten beklagten sich, sie hätten weit weniger oder gar nichts erhalten. Die Kritik wurde so heftig, dass Australiens Cheftrainer Leigh Nugent eine Verteidigungsrede halten musste. „Figuren wie Ian, die so konstant Leistungen abgeliefert haben, sind historisch einfach unglaublich.“ Man müsse „ein sehr undankbarer Australier sein“, wenn man so einem Leistungsträger die Hilfe verweigere.

Die Hilfe ist weiter nötig. Ian Thorpe sagte vor Adelaide: „Egal, was bei den Trials passiert, ich werde auf keinen Fall aufhören.“

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