Sport : Globalisierung im Basketball: "Sie können auch vom Mars kommen"

Benedikt Voigt

Der alten Welt fehlten 43,4 Sekunden. Oder drei Freiwürfe. "Wenn er die drei trifft, ist es vorbei", sagt Donn Nelson, und lehnt sich in seinem Ledersessel zurück. Das Büro des Assistenztrainers der Dallas Mavericks ist karg ausgestattet, eine riesige Magnettafel mit Namensschildern für alle Spieler der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA dominiert den Raum. Ein Fenster gibt es nicht. Donn Nelson geht trotzdem nicht die Luft aus, im Gegenteil, er hört gar nicht mehr auf zu reden. "Ein bekannter amerikanischer Journalist sagte zu mir: Weißt du, was das gewesen wäre - die größte Überraschung in der Geschichte des Mannschaftssports." Donn Nelson schaut in die Runde der Journalisten, um sich zu vergewissern, dass seine Worte Eindruck machen. Er wiederholt: "Die größte Überraschung in der Geschichte des Mannschaftssports."

Fast sieben Monate sind vergangen, seit Litauen im Halbfinale des Olympischen Basketballturniers beinahe das Dream Team IV der USA besiegt hätte. 83:85 verlor Litauen schließlich, weil Ramunas Siskauskas beim Stand von 80:80 keinen seiner drei Freiwürfe getroffen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er im gesamten Turnier jeden Freiwurf verwandelt. Donn Nelson redet über dieses Spiel, als ob es gestern stattgefunden hätte. Als Kotrainer der Litauer stand er damals in Sydney an der Seitenlinie und als NBA-Trainer sagt er: "Das war ein Weckruf für uns - der Moment rückt näher, in dem eine Mannschaft aus dem Rest der Welt ein Dream Team schlagen kann."

Der Abstand zwischen der Alten Welt und der Neuen im Basketball ist kleiner geworden. Momentan spielen 46 Nicht-Amerikaner in der NBA, so viele wie nie zuvor. "Der Rest der Welt holt auf", hat Donn Nelson festgestellt, "und zwei der besten Ausländer spielen für uns." Der Kanadier Steve Nash und der Deutsche Dirk Nowitzki sind verantwortlich dafür, dass die Dallas Mavericks zum ersten Mal seit elf Jahren wieder in den Play-offs steht. Momentan liegen die Texaner gegen Utah Jazz mit 0:2 im Rückstand. Nowitzki war im zweiten Spiel in Utah bei jeder Ballberührung ausgebuht worden, weil er Salt Lake City als "schreckliche Stadt" bezeichnet hatte. Später beteuerte der 22-Jährige: "Das war nur ein Missverständnis".

Nowitzki muss noch lernen, dass man sich in der NBA während der Play-off-Zeit jedes Wort zweimal überlegen muss. Die Trainer hängen in dieser Zeit gerne Zeitungsausschnitte zu Motivationszwecken in der Kabine auf. Es ist eine weitere Erfahrung für den Basketballer aus Würzburg, Germany. "Er lernt in jeder Woche dazu", sagt Don Nelson, der sich im Gegensatz zu seinem Sohn Donn mit einem "n" schreibt. Der 60-jährige Cheftrainer der Dallas Mavericks landete mit der Verpflichtung des jungen Deutschen einen Coup. Die Leser der "Dallas Morning News" schwärmen längst von dem vielseitigen Nowitzki. Wie Earl Stubbs aus Richardson: "Ich fühle mich geehrt, wenn ich ihn spielen sehe."

Es ist kein Zufall, dass der 2,11 Meter große Flügelspieler ausgerechnet in Dallas zum Liebling der US-Amerikaner reift. Die beiden Nelsons haben schon seit längerem ein Faible für internationale Spieler. 1989 lotste Donn Nelson nach langwierigen Verhandlungen den Litauer Sarunas Marciulionis aus der damaligen Sowjetunion zu den Golden State Warriors. "Wir haben uns nie bei ihm zu Hause oder in einem Hotel getroffen", erinnert sich Donn, "wir haben gewusst, dass der KGB alles verwanzt hatte."

Einen politisch ähnlich brisanten Fall lösten die Nelsons in dieser Saison mit dem Chinesen Wang Zhizhi, der seit Anfang April für die Mavericks spielt (siehe untenstehenden Text). Mit dem Mexikaner Euardo Najera und dem Nigerianer Obinna Ekezie stehen inzwischen fünf Internationale im Kader der Mavericks. Das freut den Teambesitzer Mark Cuban. "Mir ist es egal, wo unsere Spieler herkommen", sagt der exzentrische Milliardär, "so lange sie spielen können, können sie auch vom Mars kommen." Auch die Sacramento Kings, die gegen die Phoenix Suns (1:1) um den Einzug in die nächste Play-off-Runde kämpfen, setzen auf europäische Basketballer. Dort sind die beiden Jugoslawen Vlade Divac und Predrag Stojakovic Leistungsträger, der Türke Hidayet Turkoglu kommt von der Bank ins Spiel. "Die Europäer haben keine Angst mehr, dass sie sich in der NBA nicht behaupten können", stellt Don Nelson fest.

"Wir scouten die Welt", erklärt sein Sohn, der mit einer Schwedin verheiratet ist. Zweimal suchte Donn Nelson bereits in China nach Talenten, einmal in Afrika und dreimal in Europa. "Basketball-Spieler werden geboren", sagt er. In Litauen, Jugoslawien oder Deutschland gäbe es bestimmte Körpertypen, die für Basketball besonders geeignet wären. Auch China gilt es zu beobachten. "Wenn man die Bevölkerung nimmt, dann ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass der nächste Nowitzki in China geboren wird."

Nicht jedes Team in der NBA denkt so. "Es gibt noch eine Menge Vorurteile gegenüber Nicht-Amerikanern", berichtet Donn Nelson. Selbst er sieht die Zukunft des Basketballs in den USA. "Wir werden immer die Besten der Welt sein", sagt der Assistenzcoach, und führt zwei Gründe an: "Die große Bevölkerungszahl und die Popularität de Basketballs in den USA." Zwar hätten die Europäer in den letzten zehn Jahren aufgeschlossen, überholen würden sie die USA aber nicht. "Das werde ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr sehen."

Dabei hätte er es fast erlebt. Aus Dankbarkeit, dass ihm die Litauer seinerzeit beim Marciulionis-Transfer halfen, steht Donn Nelson seit 1992 dem kleinen Balten-Staat bei wichtigen Wettbewerben als Kotrainer zur Verfügung. So auch im denkwürdigen Halbfinale in Sydney gegen die USA. Als Siskauskas an der Freiwurflinie stand, keimte in Donn Nelson ein seltsames Gefühl auf: Siskauskas soll daneben werfen. "Ich hätte sonst meinem eigenen Land den Todesstoß versetzt." In der folgenden Nacht machte er kein Auge zu, und am Morgen reifte der Entschluss: Man darf der Alten Welt beim Aufholen helfen, nicht aber zum Sieg. Donn Nelson sagt: "Ich werde nie mehr gegen die USA coachen."

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