Sport : Gold rostet doch

Für Englands Systemfehler soll Fabio Capello büßen

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Die Jagd wurde noch im Free State Stadium eröffnet. „Wer ist schuld, Stevie? Die Spieler oder der Trainer?“, wollte der Reporter von Steven Gerrard wissen. Der bleiche englische Kapitän wollte sich in Bloemfontein zu keiner Ad-hoc-Autopsie verleiten lassen. „Das müssen andere entscheiden“, sagte der 30-Jährige. Die Suche nach dem Sündenbock wird ein paar Tage dauern, die Schurkenrolle in der Tragödie scheint aber bereits mit Fabio Capello besetzt zu sein. Der 64-Jährige hat sich nie die Mühe gemacht, die einflussreichsten Journalisten auf der Insel für sich zu gewinnen, sein Englisch rumpelt nach zweieinhalb Jahren auf der Insel noch immer. „This is the football“, lautete nach dem Spiel sein Fazit. Nun wird er ratenweise gefeuert. „In zwei Wochen wird die Football Association eine Entscheidung treffen“, verkündete der Italiener am Montag. Sie kann nur gegen ihn ausfallen.

Sir Dave Richards, der neue starke Mann im Verband, hat sich nach einer Unterredung mit Capello offiziell 14 Tage Bedenkzeit ausgebeten. „Nach so einem enttäuschenden Turnier sollte man keine überhasteten Dinge machen“, verkündete Adrian Bevington, der für die Nationalmannschaft zuständige FA-Manager. Was der Verband mit dieser ungewöhnlichen Hängepartie bezweckt, ist klar: Capello soll von sich aus zurücktreten oder einen neuen Arbeitgeber finden. Die FA will sich auf diese Weise zumindest einen Teil der 14 Millionen Pfund sparen, die als Abfindung fällig würden.

Natürlich wolle er bis zur EM 2012 weitermachen, sagte Capello gestern und spielte dabei mit dem Reißverschluss seiner Trainingsjacke. Er kam noch einmal halbherzig auf die Schiedsrichterentscheidung zurück („Es wäre ein ganz anderes Spiel gewesen“), überraschte dann aber mit der Bestätigung einer Beckenbauer’schen These: „Ich weiß jetzt, warum England nicht gewinnt: Die Spieler sind zu müde. Sie sind nicht so schnell, nicht so frisch.“ Seine Kritik: „Es gibt zu viele Spiele in England, immer Mittwoch, immer Samstag – das ist unmöglich.“ Die Diskussion um eine Winterpause ist in England so alt wie der Winter selbst, aber ob sie nun mit echter Verve geführt wird, darf man bezweifeln. Die Premier League hat kein Interesse, die lukrativen Spiele über Weihnachten und Neujahr einzustellen, eine Verkleinerung der Liga auf 18 Klubs steht außer Frage. So lange sich Eigentümer wie Chelseas Roman Abramowitsch Stars aus der ganzen Welt zusammenkaufen, werden bei der Ausbildung des Nachwuchses keine Fortschritte gemacht. Die Westlondoner haben seit der Übernahme durch den Russen vor sechs Jahren keinen einzigen Jugendspieler hervorgebracht, der gut genug für die erste Mannschaft wäre.

„Wo sind die jungen Spieler?“, fragte Capello rhetorisch. Aus der U 21, die im vergangenen Sommer das EM-Finale 0:4 gegen Deutschland verlor, wurden nur James Milner, Theo Walcott und Adam Johnson befördert; Walcott und Johnson strich Capello noch aus dem WM-Kader. Und die Perspektive ist miserabel: Sir Trevor Brooking, der Leiter der FA-Jugendabteilung, deutete vorige Woche an, dass die „Goldene Generation“ um Gerrard und Lampard ihre Chance bei dieser WM unbedingt nutzen müsse. So schnell würden nämlich keine guten Spieler nachkommen.

Den notorisch überschätzten englischen Stars wird nun ebenfalls der mediale Prozess gemacht, so leicht wird man sie angesichts der nicht vorhandenen Alternativen jedoch nicht austauschen können. Die größte Gefahr für den englischen Fußball ist nun, dass er sich – wie immer nach den großen Enttäuschungen – ganz auf sich konzentriert, weil er neben den Fehlern natürlich auch die Lösungen aller Probleme bei sich selbst vermutet. Anstatt einmal innezuhalten. Und zu sehen, was die Anderen besser machen.

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