Sport : Goldmedaille mit Eisschicht

Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko werden Eiskunstlauf-Weltmeister im Paarlauf

Frank Bachner[Göteborg]

Es begann wunderbar. Dreifacher Wurf-Flip, dreifacher Toeloop, exzellent. Aber dann der erste große Patzer, Robin Szolkowy stand den dreifach Toeloop nicht. Sekunden später verpatzten er und seine Partnerin Aljona Sawtschenko den Dreifach-Salchow, der Traum von Gold bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft schien ausgeträumt zu sein. Zwei Minuten später aber ein Aufschrei in der Arena von Göteborg: Das Paar aus Chemnitz erhielt unerwartet hohe Noten. Mit 202,86 Punkten lagen die Deutschen gestern Abend klar vor den Chinesen Zhang Dao/Zhang Hao (197,82), die sich nur einen Fehler erlaubt hatten. Gold, der erste WM-Titel für Deutschland seit 1997. Damals hatte Ingo Steuer mit Mandy Wötzel Gold gewonnen. Ingo Steuer, der Trainer von Sawtschenko/Szolkowy.

Es gab schon vorher viele Hinweise darauf, wie spannend die Kür würde. Man konnte zum Beispiel einfach auf die Zahlen schauen. 72,00 Punkte für Satwschenko/Szolkowy, Platz zwei nach dem Kurzprogramm. 2,36 Punkte hinter Dan/Hao, den Chinesen. Und 0,58 Punkte vor Kawagutschi/Smirnow, dem russischen Paar. Man konnte aber auch in die Augen von Aljona Sawtschenko blicken, auf die letzten Spuren der Tränen, die sie vergossen hatte. Sie hatte den dreifachen Toeloop verpatzt, das war Fehler Nummer eins. Dann die nicht synchrone Solo-Pirouette der Beiden, das war Fehler Nummer zwei. Der ruhige Szolkowy hatte nicht geweint. Aber er dehnte seine Worte: „Natürlich sind wir enttäuscht.“

Vor allem aber konnte man Ingo Steuer beobachten, das war am aufschlussreichsten. Steuer knallte die Faust auf die Bande und drehte sich weg. Das war nicht mehr der Ingo Steuer, der so souverän vom WM-Titel geredet hatte, von der Ästhetik und der Kunst seines Paares. Der Perfektionist Steuer war an der Realität gescheitert. So sah er das, so verhielt er sich, so gab er seinen Kritikern wieder Stoff. Ingo Steuer bleibt die bekannte Reizfigur, unabhängig vom Gesamtergebnis.

Er ist der Mann, der hinter dem Erfolg dieses Paares steckt. Er schreibt die Choreographie, er formt die beiden zur Weltspitze. Zwei EM-Titel, der Sieg im Grand-Prix-Finale. Aber er taucht schon bei gefühlten Niederlagen ab. Zwei Patzer im Kurzprogramm sind keine echte Niederlage. Doch Steuer verschwand aus der Halle, zurück ließ er ratlose Athleten, die nur schulterzuckend sagten: „Wir haben ihn nicht mehr gesehen.“ In einem Moment, in dem seine Sportler seinen Trost gebraucht hätten, war er weg. Unverständlich, sagte Daniel Weiss, der frühere Eiskunstläufer, jetzt ARD-Kommentator. „In so einer Situation muss man doch seine Sportler unterstützen.“

Steuer erklärte am nächsten Tag: „Ich habe die Mixedzone nicht gefunden.“ Nicht mal die Ausrede hatte Format. In der Mixedzone, vor den Journalisten, erklärte Sawtschenko mit brüchiger Stimme, dass sie schon bei der EM den Toeloop verpatzt hatte. Und Szolkowy blieb irgendwann nur noch Ironie: „Ich rufe den Trainer vor der Kür an und sage, er soll den Fernseher einschalten, wir hätten da gleich einen Auftritt.“

Die beiden stehen zwar hinter ihrem Trainer. Aber hinter dieser gefühlten Wagenburg ist das Verhältnis komplizierter, das zeigte sich wieder einmal in Göteborg. Denn jeder, der Steuer kennt, weiß, dass diese Reaktionen typisch waren für ihn. „Er ist noch ein junger Trainer, sein Puls schlägt höher als unser beider zusammen“, sagte Robin Szolkowy.

Am Mittwochmorgen sah er seinen Trainer wieder, beim Training. Steuer sprach mit Sawtschenko öffentlich kein einziges Wort, mit Szolkowy nur ein paar Sätze. Es gibt genügend Trainer, die ähnlich rigoros sind. Aber es gibt wenig Trainer, die so sehr um ein positives Image kämpfen müssen wie Steuer. Paarlauf ist auch die Illusion von Harmonie und menschlicher Wärme auf dem Eis. Medaillen sind der Lohn, wenn diese Illusion perfekt gelingt. Die Medaillen, zu denen Steuer sein Paar führt, wirken, als hätten sie einen stumpfen Glanz. Überzogen von einer hauchdünnen Eisschicht.

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