Sport : Grandiose Himmelfahrten

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Von Robert Hartmann

Bochum. Annika Becker ist erst zwanzig, aber am Sonntagnachmittag war sie schon eine große Meisterin. Die Stabhochspringerin überwand die Höhen von 4,65 m, 4,72 m und 4,77 m und verzückte das Publikum im ausverkauften Lohrheidestadion im Bochumer Stadtteil Wattenscheid. Die 19 000 Zuschauer nahmen als eine der schönsten Erinnerung von den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften die grandiosen Himmelfahrten der rothaarigen Athletin aus Bebra mit nach Hause. Am Ende hatte Becker nach dem deutschen Rekord auch gleich noch den europäischen Rekord der Russin Swetlana Feofanowa verbessert und sich an die Spitze der Jahresweltbestenliste gesetzt. Am Weltrekord der Amerikanerin Stacy Dragila, 4,81 m, scheiterte sie vielleicht auch deshalb, weil sie während der Steigerung ihrer persönlichen Bestleistung um 21 Zentimeter schon zu sehr gejubelt hatte.

Im Training hatte sich die ungewöhnliche Verbesserung nicht angekündigt. „Wenn es danach gegangen wäre, wäre ich keine 4,20 m gesprungen“, sagt sie. Schmerzen in der Kniekehle hatten der 20-Jährigen bis vor zwei Wochen zu schaffen gemacht.

Ihre Leistung war für Annika Becker selbst ein Rätsel. „Ich hatte nicht so das Gefühl, dass ich technisch gut war“, sagte sie. „Ich bin ein bisschen im Rausch gesprungen." Bei den Weltmeisterschaften in Edmonton 2001 scheiterte die Studentin für das Grundschulamt schon in der Qualifikation, mit 4,25 m. Gold gab es für 4,75 m – zwei Zentimeter weniger, als Annika Becker am Sonntag sprang.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband und Bundestrainer Herbert Czingon hatten im vorigen Herbst die besten Stabhochspringerinnen zu einem gemeinsamen Stützpunkt nach Mainz geholt. Annika Becker verließ die Trainingsstätte vorzeitig nach ein paar Wochen. Ihr Trainer Wolfgang Weber, der sie vor fünf Jahren entdeckt hatte, sei der Grund gewesen, sagt sie. Zudem sei „Mainz zu groß. Ich bin ein Dorfkind.“

Bei den Europameisterschaften im August in München zählt sie nun zu den Favoritinnen. Doch davon will Annika Becker nichts wissen. Sie hofft nur, „dass mir der Mist vom letzten Jahr nicht mehr passiert“, das WM-Aus in der Qualifikation.

Klar ist am Ende des Tages bloß geworden, dass zwischen Himmel und Erde seltsame, kaum steuerbare Dinge passieren können.

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