Sport : Gruppenzwang aufgehoben - die Bayern freuen sich auf das Endspiel gegen Glasgow

Detlef Dresslein

Die Schotten sind ihnen schon im Vorfeld auf die Nerven gegangen. Was die britischen Berichterstatter von den Spielern und Verantwortlichen des FC Bayern München nicht alles wissen wollten. Sie geben ja gern Auskunft, wenn es nicht lange dauert und vor allem nicht in englischer Sprache sein soll. So weigerte sich Ottmar Hitzfeld schlicht, polyglott zu werden, Oliver Kahn brach den Versuch kurzerhand ab, mit dem Hinweis, er könne sich "nicht mehr konzentrieren", und Lothar Matthäus entzog sich Tag für Tag geschickt allen Interviewwünschen durch die diversen Hintertüren von Olympiastadion und FC-Bayern-Trainingsgelände.

Den Fußballspielern der Glasgow Rangers werden die Kicker vom Münchner Nobelverein nicht so leicht davonkommen. Angesichts des dritten Platzes in der Vorrundengruppe F und dem Zwang zum Siegen im letzten Gruppenspiel gegen den Schottischen Meister stehen sie unter Druck. Denn die Rangers stehen einen Punkt und damit einen Hauch besser da. Dazu hat die Liga-Arithmetik eine Situation entstehen lassen, die man aufgrund des ermüdenden Gruppenmodus fast schon perdu glaubte: Endspiel. Alles oder nichts. Der Sieger strahlt, der Verlierer fliegt raus. Glaubt man den Spielern, ist die Freude darüber riesig. So muss Fußball sein, finden auch sie. "Das sind doch die schönsten Spiele", sagt Oliver Kahn, und er hat beobachtet, "dass man es merkt, wie die Aggressivität kommt. Man spürt, dass wir ein gutes Spiel machen werden." Oliver Kahn, der Sensitive.

Mit einem 5:0 gegen einen allerdings nur rudimentär vorhandenen VfL Wolfsburg haben sich die Bayern am Sonnabend in Stimmung gebracht. Franz Beckenbauer gemahnt aber zur Vorsicht: "Wolfsburg hat uns eingeladen zum Tore schießen. Das wird Glasgow nicht tun." Neben mangelnder Gastfreundschaft im Strafraum erwartet er in den Schotten "eine ausgezeichnete Mannschaft in hervorragender physischer Verfassung". Und schon einmal, nach dem Sieg beim 1. FC Kaiserslautern, dachte man, nun könne nichts mehr schief gehen und verlor prompt in Eindhoven. Vielleicht war das aber auch nur eine Maßnahme zur Spannungserhöhung. Besteht allerdings weiterhin eine solche Leistungsdiskrepanz zwischen Bundesliga und Europaliga wie bisher, müsste man sich schon Sorgen machen. Zudem reicht Glasgow ein Punkt. "Wir haben den Heimvorteil, das ist wichtiger", sagt Trainer Ottmar Hitzfeld.

Die Spieler sorgen sich offenbar kaum - und einer wie Giovane Elber schon gar nicht. Was nicht allein an seinem sonnig-südamerikanischen Gemüt liegt. Nach seiner Verletzung, die ihn die gesamte letzte Rückrunde und fast die Hälfte dieser Vorrunde zum Zuschauen zwang, scheint er nun wieder absolut spiel- und tortauglich zu sein. Zwar fehle nach der langen Pause immer noch etwas, "aber ich treffe jetzt das Tor, und das ist wichtig für mich". Weil er seinen Vertrag kürzlich bis 2004 verlängert hat, geht es Elber nun wieder richtig gut, und das Spiel gegen die Rangers kommt ihm gerade recht: "Wir können nicht lange warten, wir müssen nach vorn spielen und gewinnen. Egal wie, 1:0, 2:1, 3:1 oder 4:3." Auch aus seinen Worten entnimmt man die Freude darüber, dass der Gruppen-Zwang für diese Begegnung außer Kraft gesetzt ist. Zudem scheint der Brasilianer im Paraguayer Roque Santa Cruz einen kongenialen Partner gefunden zu haben, der sich zuletzt ebenfalls als recht trefflich erwies. "Er ist sehr gut drauf, lernt aber immer noch, dass man in Europa ganz anders Fußball spielen muss", hat Elber beobachtet. Hier sei doch alles viel schneller, und man habe weniger Platz. Wird auch der Brasilianer Paulo Sergio noch rechtzeitig fit, dann könnten die Bayern gegen Glasgow erstmals eine totale südamerikanische Offensive starten.

Skeptischer als Elber ob seines Befindens ist Oliver Kahn. Der Nationaltorwart wird nach wiederholter Saison-Unterbrechung wegen seiner Bandscheiben-Vorwölbung im Halswirbelbereich gegen die Schotten aber wohl wieder im Tor stehen. Mit "Spritzen, Fango und Massagen" habe er die letzte Zeit verbracht, bevor er am Sonntag wieder mit dem Training begann. Dort hechtete und flog er, als sei es gar nichts und meldete hernach: "Es klappt ganz gut." Angst vor den Rangers und der Finalsituation hat er ohnehin nicht: "Beim FC Bayern sind viele Spiele wie Endspiele".

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