Sport : „Gute Verträge sind kein Hexenwerk“

Spielerberater Jörg Neubauer über Geldverdienen nach der Kirch-Krise und Dortmunds Sparzwang

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Herr Neubauer, was sind Sie eigentlich – Spielervermittler oder Spielerberater?

Berater. Einen Spieler von A nach B zu vermitteln, ist nicht schwierig. Das kann jeder. Sich aber mit einem Spieler intensiv zu beschäftigen, sich komplexe Gedanken zu machen über einen Spieler, ihm Ratschläge zu geben, sodass er einen optimalen Karrierebogen durchläuft, ist sehr viel anspruchsvoller. Vor allem kommt es darauf an, dass alle Felder um den Fußball herum in Ordnung sind.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie Nationalspieler Christoph Metzelder. Der denkt darüber nach, ob er sofort zu Real Madrid oder Manchester United geht oder erst in zwei Jahren. Um da zu einem Entschluss zu kommen, müssen viele, eben nicht nur sportliche Überlegungen angestellt werden. Es geht darum, für den Spieler Möglichkeiten zu schaffen, damit er sein Talent optimal ausschöpfen kann. Es geht darum, zur richtigen Zeit die richtigen Schritte zu setzen, den richtigen Verein zu finden – sportlich wie finanziell.

Seit der KirchKrise fließt nun weit weniger Geld. Ist die Zeit des endlosen Geldverdienens vorbei?

Wir bewegen uns nach wie vor auf hohem Niveau. Der Geldfluss ist von 100 auf vielleicht 70 Prozent zurückgegangen. Aber sehr gute Spieler kosten und verdienen nach wie vor viel Geld.

In Dortmund geht es jetzt auch sehr guten Spielern an den Kragen. Die Spieler sollen auf 20 Prozent ihrer Bezüge freiwillig verzichten.

Das ist sicherlich eine problematische und auch sehr komplexe Situation. Zunächst halte ich es mit Uli Hoeneß, der sagt, dass geschlossene Verträge einzuhalten sind. Dennoch sehe ich schon, was zurzeit im Fußball passiert. Ich denke dennoch, dass die Geschichte vom nimmersatten Profi zu simpel ist. Die Diskussionen dürfen nicht nur auf dem Rücken der Spieler ausgetragen werden.

Borussia Dortmund hat die Champions League verpasst und sucht nun nach einem Weg, die sehr teure Mannschaft ohne die geplanten Mehreinnahmen zu finanzieren. Daran sollen sich die Spieler beteiligen.

Wenn Borussia Dortmund die Champions League verpasst, dann ist das angesichts des teuren Kaders sicherlich ein Problem. Immerhin bricht hier eine Einnahmequelle weg und bringt offensichtlich den Verein in Bedrängnis.

Was raten Sie denn Ihrem Mandanten Christoph Metzelder, dem Kapitän von Borussia Dortmund?

Am Donnerstag war ich in Dortmund und habe mit allen Seiten Gespräche geführt. Beide Parteien haben vereinbart, erst einmal nachzudenken. Zu Christoph Metzelder ist jedoch auch festzuhalten, dass er im Vergleich zu seinem Marktwert zurzeit nicht angemessen bezahlt wird. Zeitgleich haben wir bis vor dem Spiel gegen Brügge …

… in dem Dortmund die Champions League verspielte.

Ja, bis dahin haben wir über einen neuen Vertrag gesprochen. Wir müssen also schauen, dass am Ende alle Seiten zufrieden sind.

Auf welchen Kompromiss könnten Sie sich einlassen?

Ich glaube, dass nur eine gemeinschaftliche Lösung mit allen Teilen der Mannschaft erreicht werden kann. Dies ist zugleich auch das Ziel des Vereins.

Viele Vereine würden sich wohl am liebsten Sie und Ihre Kollegen sparen. Wofür braucht denn ein Fußballprofi einen Berater?

Fußball ist mehr als Geldverdienen, auch wenn in der heutigen Zeit fast alles auf das Geldverdienen reduziert wird. Der Sport ist und soll der Kern bleiben. Der Sport war der Ursprung. Ein Spieler hat mit dem Fußball angefangen, weil er Spaß daran hatte, nicht weil er als Zehn- oder Zwölfjähriger daran gedacht hat, damit einmal Millionen zu verdienen. Ich glaube, dass Vereine zufrieden sein können, wenn sie auf einen professionellen Berater treffen – denn auch er will den Spieler nach oben führen.

Der Verein aber muss zunächst an sich selbst denken …

… und in zweiter Hinsicht erst an den Spieler. Das ist normal und auch legitim. Ein seriöser Berater fährt zudem selbst am besten, wenn er im Sinne des Spielers alles richtig macht. Denn verläuft es für den Spieler nicht normal, so läuft es auch für den Berater nicht.

Wie alt war Ihr jüngster Spieler?

15. Kevin Prince Boateng, der Jugend-Nationalspieler von Hertha BSC.

Was sagen Sie so einem Knaben?

Ich bin kein Hellseher. Ich weiß nicht, wo einer mit – sagen wir – 22 stehen wird. Aber ich habe eine Idee, die ich entwickelt habe und die mit dem Spieler weiterentwickelt wird. Die Spieler wollen Ratschläge, ich gebe Entscheidungshilfen an die Hand.

Gibt es auch Spieler, deren Beratung Sie ablehnen?

Selbstverständlich. Ich kann bestimmten Spielern nicht helfen. Mein Ziel ist es, die qualitativ besten Spieler zu betreuen. An dieser Schwelle möchte ich mich von Kollegen meiner Zunft unterscheiden.

Nicht alle setzen auf das Prinzip Klasse statt Masse. Es gibt Spielerberater, die sich damit brüsten, sie hätten die meisten Spieler unter Vertrag.

Da kann ich nur sagen: herzlichen Glückwunsch! Jeder Spieler braucht Zuwendung, die kann ich der Nummer 145 nicht geben. Aber jeder hat den Berater, den er verdient.

Es gibt prominente Fußballer wie Herthas Nationalspieler Arne Friedrich oder den Stuttgarter Timo Hildebrand, die ganz auf einen Spielerberater verzichten.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass ein Spieler auch ohne Berater auskommen kann. Diese Spieler werden vielleicht ein gutes, aber sehr wahrscheinlich kein optimales Ergebnis erzielen. Sie berauben sich zusätzlicher Chancen. Den Vereinen gefällt das, aber warum, glauben Sie, um einmal wegzugehen vom Fußball, hat selbst der Bundeskanzler seine Berater? Was ohne Beratung herauskommen kann, hat man bei Sebastian Kehl gesehen …

… der erst Bayern München eine Zusage gab und dann zu Borussia Dortmund ging, weil er dort viel mehr Geld bekam.

Genau, den ganzen Ärger, den es damals gab, hätte er sich bei vernünftiger Beratung ersparen können.

Überschätzen Sie Ihren Einfluss nicht?

Nein, ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Ich kann beispielsweise auch nicht eine Werbeagentur führen, weil ich gar keine Ahnung davon habe. Natürlich könnte ich so etwas erlernen, aber das braucht Zeit. Diese Zeit habe ich mir am Anfang meiner Tätigkeit genommen, um das Geschäft Profifußball zu verstehen. Heute kann ich von mir behaupten, dass ich dieses Geschäft kenne und die entsprechende Qualifikation besitze. Ich gebe aber zu, dass viele so genannte Berater leider kaum Kenntnisse zum Thema haben und nicht qualifiziert sind.

Vor wenigen Tagen hat Ihre Zusammenarbeit mit Sebastian Deisler ein Ende gefunden.

Wir haben uns im beiderseitigen Einvernehmen getrennt. Ich habe sehr gern mit ihm in den vergangenen drei Jahren gearbeitet. Ich weiß nicht, ob Sebastian es allein geschafft hätte, den besten Vertrag auszuhandeln, den es heute für einen deutschen Spieler in der Bundesliga gibt. Mittlerweile haben wir unterschiedliche Auffassungen über bestimmte Dinge. Prinzipiell ist es aber so: Ein Spieler muss sich schon beraten lassen wollen. Diesen Eindruck habe ich bei Sebastian nicht mehr gehabt. Man muss nicht stets einer Meinung sein, aber man muss das Gleiche wollen und in die gleiche Richtung schauen.

Sebastian Deislers Wechsel von Hertha BSC zu Bayern München war Ihr bislang spektakulärster Transfer. Der erste Transfer, an dem Sie mitgewirkt haben, war der von Andreas Thom vom BFC Dynamo zu Bayer Leverkusen. Das war im November 1989, wenige Tage nach Öffnung der Grenzen.

Das war die Initialzündung für mich. Ich habe gesehen, wie professionell ein solcher Transfer abzulaufen hat. Dazu habe ich nicht allzu viel beigetragen, eher schon die andere Seite. Das war damals der höchste innerdeutsche Transfer. Bayer hat sich damals sehr fair und großzügig verhalten. Zu verhandeln gab es damals nichts. Den Vertrag habe ich heute noch im Büro.

Wie dick ist der?

Ganze zwei Seiten. Gute Verträge waren früher schon kein Hexenwerk, und sie sind es auch heute nicht.

Das Gespräch führten Sven Goldmann

und Michael Rosentritt.

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