Sport : "Habe mir das alles etwas anders vorgestellt"

SVEN GOLDMANN

NHL-Profi Olaf Kölzig bewahrt Deutschland vor einer zweistelligen Schlappe gegen FinnlandVON SVEN GOLDMANN HELSINKI.Früher, als die Eishockey-Welt noch klein und überschaubar war, liefen Weltmeisterschaften nach einem zuverlässigen Muster ab.Die ersten drei Plätze würfelten die UdSSR, Schweden, Kanada und die CSSR unter sich aus, Finnland und die USA folgten in gebührendem Abstand, die Deutschen waren immerhin für einen knappen Sieg gegen Polen, Rumänien oder die Schweiz und damit für den Klassenverbleib gut.Brav holten sich die Mannschaften der Bundestrainer Hans Rampf und Xaver Unsinn gegen die Großen ihre standesgemäßen Niederlagen ab. An diese Zeiten werden die Deutschen nicht gern erinnert.Stolz verweisen sie auf jüngere Erfolge wie bei den WM 1992 und 1993 mit überzeugenden Siegen gegen Topteams wie Schweden (5:2), USA (6:3) und Finnland (3:1).Bundestrainer George Kingston führt gern der dauerhaften Etablierungunter den Top six der Welt das Wort.Und dann reißen, welche Unverfrorenheit, am vergangenen Dienstag in Helsinki eine Handvoll frecher Finnen das hübsche Bild von der internationalen Konkurrenzfähigkeit der Deutschen von der Wand.Auf einmal scheint alles beim alten, hetzen wieder tapfer-unbeholfene Teutonen einem übermächtigen Gegner hinterher. Schon lange nicht mehr ist eine deutsche Nationalmannschaft derart überrannt worden wie bei jenem 0:6 gegen Finnland.Nur ein Nordamerikaner bewahrt die Deutschen vor der ersten zweistelligen WM-Niederlage seit 1985 (2:10 gegen die UdSSR).Olaf Kölzig, kanadischer Profi mit deutschem Paß, pariert 47 finnische Schüsse, wird zum besten deutschen Spieler gewählt."Unglaublich, was der Olaf alles gehalten hat", staunt Kingston.Nur Kölzig selbst ist mit seinem WM-Debüt alles andere als zufrieden: "Wenn wir 0:6 verlieren, dann kann ich mir für meine gute Leistung auch nichts kaufen.Ich habe mir das alles ein wenig anders vorgestellt." Wer kommt schon gerne aus der großen National Hockey League (NHL), um dann hinter einer überforderten Mannschaft die Schießbude des bisherigen WM-Turniers zu hüten? Kölzig wird sich seinen Teil denken, nach außen dringt davon nichts: "Die Stimmung in der Mannschaft ist gut, jetzt müssen wir halt in den restlichen Gruppenspielen und in der Relegationsrunde ein paar Spiele gewinnen." Bescheiden fügt Kölzig sich in die Hierarchie einer Mannschaft, in die er auf höchst kuriose Weise gelangt ist.1990 noch will er für Kanada bei der Junioren-WM in Finnland spielen und stellt erst bei der Durchsicht seiner Papiere fest, daß er deutscher Staatsbürger ist.Weitere sechs Jahre vergehen, bis sein zeitweiliger Teamkollege Stefan Ustorf den Deutschen Eishockey-Bund auf Kölzigs bewegte Vergangenheit aufmerksam macht.Vater Axel, ein gebürtiger Augsburger, arbeitet Anfang der siebziger Jahre für eine internationale Hotelkette, in deren Auftrag er durch die ganze Welt reist.Olaf wird 1970 in Johannesburg geboren, wächst in Kopenhagen und Stockholm auf, bevor die Familie an die kanadische Ostküste zieht. Hier stellt er sich zum ersten Mal ins Eishockeytor.Der junge Kölzig macht sich so gut, daß die Washington Capitals die Rechte an ihm erwerben.Im Oktober bestreitet er mit 18 Jahren gegen die Hartford Whalers sein erstes Spiel in der NHL, pendelt in den kommenden Jahren zwischen Farmteams und den Capitals, bis er 1995 endlich den Sprung schafft.Sein Teamkollege Jim Carey wird 1996 mit der Vezina Trophy als bester NHL-Torhüter ausgezeichnet, doch als die Capitals in den Play-offs die Pittsburgh Penguins mit dem großen Mario Lemieux an den Rand des Ausscheidens bringen, spielt nur noch Olaf Kölzig.Im vierten Achtelfinalspiel pariert er 62 von 65 Schüssen.Erst in der vierten Verlängerung, nach insgesamt 139 Minuten, müssen sich die Capitals im drittlängsten Spiel der NHL-Geschichte mit 2:3 geschlagen geben. Zur Belohnung erhält "Olie the Goalie" einen neuen Vertrag.In der zurückliegenden Saison kommt Kölzig in 82 Spielen noch auf 29 Einsätze."Mein Vertrag in Washington läuft noch ein Jahr, danach werden wir weiter sehen." Die Frage nach einem Wechsel in die DEL, zurück in die Heimat der Eltern, verbietet sich von selbst.Kölzig kassiert in Washington 500 000 Dollar pro Jahr - mehr als zwei Spitzenverdiener in Deutschland zusammen.

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