Hacke, Spitze, 4-2-3 : Deutschlands Taktik gegen Nigeria

Die deutsche Nationalmannschaft will sich in ihrer zweiten WM-Partie gegen Nigeria vor allem spielerisch steigern. Hier verraten wir die Taktik von Bundestrainerin Silvia Neid.

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Countdown bis zum Viertelfinale? Bundestrainerin Silvia Neid und ihr Team können sich gegen Nigeria bereits für die K.o.-Runde qualifizieren.
Countdown bis zum Viertelfinale? Bundestrainerin Silvia Neid und ihr Team können sich gegen Nigeria bereits für die K.o.-Runde...Foto: dapd

Manchmal nimmt sich Silvia Neid ein Vorbild an Jürgen Klinsmann. Die Motivationsmaßnahmen waren ja bekanntlich eine Stärke des ehemaligen Bundestrainers, der die männlichen Fußballer bei der Heim-WM 2006 überraschend zum dritten Platz führte. Wie einst Klinsmann überlässt die Bundestrainerin der Frauen nun neuerdings auch einer Spielerin die letzten Worte vor dem Anpfiff. Vor dem WM-Eröffnungsspiel am Sonntag gegen Kanada fiel die Wahl auf Ariane Hingst. Wer am heutigen Donnerstag vor dem zweiten WM-Vorrundenspiel gegen Nigeria an der Reihe sein wird (20.45 Uhr, live im Ticker bei tagesspiegel.de), verrät die Bundestrainerin noch nicht.

In Sachen Taktik allerdings braucht sich Neid da nichts abzuschauen. Im Gegenteil: Die Frauen haben das 4-2-3-1-System, das die Männer inzwischen sehr erfolgreich spielen, schon vor zehn Jahren eingeführt. Und damit seither jede WM und EM gewonnen. Das schnelle Kurzpassspiel, dass die Mannschaft aufgrund ihrer körperlichen Fitness besser beherrscht, als die meisten anderen Frauenteams, hat allerdings beim knappen 2:1-Sieg gegen die Kanadierinnen noch nicht gut funktioniert. „Wir haben zu wenig kombiniert, zu viele lange Bälle gespielt“, monierte Neid. „Wir haben es nie geschafft, den Ball runter zu nehmen und flach zu spielen, wie wir es eigentlich können.“

Die Taktikfanatikerin Neid hat das in den vergangenen Tagen bis ins kleinste Detail analysiert. Trotz der Schwächen wird sie wohl gegen Nigeria auf dieselbe Startelf setzen, auch wenn sie das wie gewohnt noch nicht verrät. Das 4-2 in ihrem System ist ohnehin fest zementiert: Die Viererkette in der Abwehr ist eingespielt und lässt durch gutes Stellungsspiel kaum Chancen zu. Auf den Außenbahnen sorgen Linda Bresonik und vor allem Babett Peter immer wieder für Tempo, wenn sie die Linie entlang bis zur gegnerischen Grundlinie sprinten und flanken – so wie Peter als sie Kerstin Garefrekes gegen Kanada von links den Ball direkt auf den Kopf zum 1:0 zwirbelte. Allerdings fand Neid auch das Abwehrverhalten „verbesserungswürdig. Gerade, wenn wir schnell rausrücken, fehlte da noch die Übersicht.“ Eine Kritik, die sich wohl auch an Simone Laudehr und Kim Kulig richtet, die als Doppelsechs vor der Abwehr die Schaltzentrale bilden.

Ein Geheimnis aber lüftete Neid bereits: Im Sturm wird sie wieder auf Birgit Prinz und Celia Okoyino da Mbabi vertrauen, die sie als neues Traumpaar mit Erfahrung auf der einen und unbeschwerter Frische auf der anderen Seite ausgemacht hat. Fraglich ist, ob Prinz in ihrer ungewohnten Rolle als Stoßstürmerin mit Okoyino da Mbabi dahinter bleibt, obwohl sie sich inzwischen erklärtermaßen eher als Vorbereiterin sieht. Rechts und links von Okoyino da Mbabi haben Garefrekes und Melanie Behringer die Kanadierinnen dadurch verwirrt, dass sie ständig die Seiten tauschten.

In den wenigen Trainingseinheiten vor dem Nigeria-Spiel, bei dem sich die Deutschen – einen Sieg der Französinnen gegen Kanada vorausgesetzt – bereits fürs Viertelfinale qualifizieren können, hat Silvia Neid noch einmal an der Taktik gefeilt. „Wir versuchen immer in einer Elf-gegen-Elf-Situation, den Gegner nachzustellen“, erzählt Abwehrspielerin Ariane Hingst, die aufgrund langer Verletzungspausen derzeit nur auf der Bank sitzt. Am Mittwochabend trainierten die Deutschen im Frankfurter Stadion und schlossen die Vorbereitung mit dem „obligatorischen Ausschießen Jung gegen Alt“ (Hingst) ab.

Dass es diese Trennung nur im Training gibt, ist wohl der bemerkenswerteste Aspekt von Neids Arbeit. Die Bundestrainerin scheint es geschafft zu haben, die verschiedenen Charaktere und Altersklassen zu einem Team zu formen, in dem jede ihre Rolle akzeptiert. Auch Ariane Hingst, die zehn Jahre lang eine wichtige Stammspielerin war, freute sich am Sonntag „wie Bolle auf dem Milchwagen“ über den Sieg der Deutschen. Auch deswegen wählte Neid die Berlinerin für die letzte Motivation vor dem Anpfiff aus. Was Hingst der Mannschaft mit aufs Feld gab, ist ein weiteres gut gehütetes Geheimnis dieser Tage. „Schöne Sachen“, sagte Nadine Angerer, die gegen Nigeria ihr hundertstes Länderspiel bestreiten wird. Vielleicht darf sie zur Feier des Tages ja selbst ein paar Worte sagen.

Deutschland: Angerer - Bresonik, Krahn, Bartusiak, Peter - Laudehr, Kulig - Garefrekes, Okoyino da Mbabi, Behringer - Prinz.

Nigeria: Dede - Chukwunonye, Ohale, Ebi, Ukaonu - Iroka, Chikwelu - Mbachu, Nkwocha, Orji - Oparanozie.

Schiedsrichterin: Cha (Südkorea). Anpfiff: 20:45 Uhr, live in der ARD und im Ticker bei tagesspiegel.de.

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