Sport : Härter ist keiner

Schwimmer Lebherz profitiert von seinen Qualen

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Berlin - Jörg Hoffmann drückte sich in die Lehne seines Plastikstuhls, er sah lässig aus in seinen Shorts und dem grünen T-Shirt, die Beine angewinkelt, den rechten Arm locker über die Lehne eines Stuhls gelegt. Neben ihm saß Yannick Lebherz, die Arme auf den Knieen abgestützt. Hoffmann redete mit ihm, aber er sprach schräg an Lebherz vorbei in die Schwimmhalle an der Landsberger Allee. Der Trainer Hoffman ist keiner, der viele Worte macht, er gibt ein paar Anweisungen zur Renntaktik, gut ist.

Zehn Minuten später schwamm Lebherz Deutschen Rekord über 400 Meter Lagen (4:14,02). Er hatte den Titel bei der deutschen Meisterschaft in Berlin gewonnen, er hatte die WM-Norm erfüllt.

Auf der anderen Seite des Beckens hatte Dirk Lange das Paar vor dem Start beobachtet. Der Bundestrainer nickte in Richtung Tribüne, wo Hoffmann und Lebherz saßen, und sagte: „Ich traue Yannick bei den Olympischen Spielen 2012 eine Medaille zu. Er hat sich enorm entwickelt. Er ist das größte Talent, das wir derzeit haben. Wichtig ist nur, dass das Paar Hoffmann/Lebherz weiter funktioniert.“

Wer über Lebherz urteilt, redet eigentlich über Hoffmann. Wer bei Hoffmann trainiert, lernt ungeahnte Qualen und Schmerzen lernen, der stößt in Bereiche vor, die er nie für möglich gehalten hatte. „Ich wusste nicht, wie viel ich aushalten kann“, sagt Lebherz. Jörg Hoffmann aus Potsdam, Weltmeister und vierfacher Europameister über 1500 Meter, galt als Schwimmer, der am härtesten in Deutschland trainierte. Und weltweit gab es wenige, die ihn dabei übertrafen. Als er mal einen Arm gebrochen hatte, streifte er sich eine Plastiktüte über den Gips und ging ins Wasser. „Macht man halt mehr Beinarbeit“, brummte er, damit war das Thema für ihn erledigt.

Seit Dezember 2009 trainiert Hoffmann den Lagen- und Rückenspezialisten Lebherz. Manchmal, nach harten Serien, fragt der Schwimmer seinen Trainer: „Bin ich jetzt in deine eigenen Trainingsbereiche vorgestoßen?“ Hoffmann antwortet ungerührt: „Nein.“

Es dauerte nur zwei Wochen, dann war Lebherz erstmals so richtig klar, in welche Welt er jetzt katapultiert worden war. In seiner dritten Woche in Potsdam musste er 100 Kilometer schwimmen. Vorbei die Idylle in Darmstadt, in der Lebherz nur zweimal pro Woche ins Frühtraining musste. Vor kurzem hatte der Sportsoldat Lebherz eine zweiwöchige Phase mit fünf Trainingseinheiten – pro Tag. Lebherz findet das „gut und interessant“.

400 Meter Lagen sind die brutalste Strecke im Schwimmen, wer hier bestehen will, muss brutal zu sich selber sein. Solche Typen sind bei Hoffmann richtig. Wer dessen Pensum durchhält, wirklich durchhält, entwickelt diese unaufgeregte Siegermentalität. „Yannick hat keinen großen Respekt mehr vor großen Namen“, sagt Lange. „Er weiß ja, dass er harte Serien durchhält. Da kann ihn das Trainingspensum der anderen nicht groß beeindrucken.“ In Deutschland sowieso nicht. Morgen schwimmt der 22-Jährige 200 Meter Rücken, er ist Titelverteidiger, er ist auch Kurzbahn-Europameister 2010 über diese Distanz. Sein schärfster Konkurrent wird Helge Meeuw sein.

Aber Lebherz ist noch kein Jörg Hoffmann, er war bisher nur selbstsicher genug, wenn es in seinem Alltag keine Störfaktoren gibt. Schon eine leichte Erkrankung vor der EM 2010 brachte ihn aus dem Tritt. „Ich begann zu zweifeln“, sagt Lebherz. Am Ende wurde er Fünfter über 400 Meter Lagen.

Fast ein Jahr später ist das Selbstbewusstsein allerdings gestiegen. Lebherz sitzt neben dem Becken und vernimmt, dass Lange ihm eine Olympiamedaille zutraut. Lebherz lacht kurz auf. „Das höre ich zum ersten Mal“, sagt er. Dann lacht er wieder. „Aber okay, das darf er sagen.“

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