Sport : Halber Anstoß

Das Turnier wird als „Mini-WM“ deklariert – doch eine Generalprobe für 2006 ist es nicht

Robert Ide

Berlin - Für Angela Merkel war es eine Art Premiere. Zum Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Russland war sie am Mittwoch nach Mönchengladbach gereist und hatte sich dort vor Spielbeginn mit Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) am Kickertisch gemessen. Ein wenig sah das aus, als spiele sich die Kanzlerkandidatin der Union warm für die Weltmeisterschaft 2006, die sie möglicherweise als Kanzlerin eröffnet. Der am kommenden Mittwoch startende Konföderationen-Pokal wird gern als organisatorische Generalprobe für das Großereignis in einem Jahr bezeichnet. Für Sponsoren und Politiker ist es ein erstes Schaulaufen. In Merkels Team überlegen sie, ob sich in ihrem dichten Terminkalender noch Zeit für den Besuch eines Spiels finden lässt.

Doch abgesehen von den vorsichtigen Kunststücken der Opposition am Spielfeldrand ist der Konföderationen-Pokal, den Weltmeister Brasilien, Gastgeber Deutschland und die Meister der Kontinente ausspielen, keine echte Generalprobe. Das gern als „Mini-WM“ bezeichnete Turnier kann die Abläufe einer Weltmeisterschaft nicht inszenieren. „Das ist ein Testlauf, keine Generalprobe“, sagt Gerd Graus, der Sprecher des WM-Organisationskomitees. Das Turnier mit acht Mannschaften wird lediglich in fünf von zwölf WM-Stadien ausgetragen. Eigentlich sollte auch Kaiserslautern schon dabei sein, doch die Arbeiten am Stadiondach dauern bis zum Jahreswechsel an.

In den Zentren der Weltmeisterschaft ruht während des Konföderationen-Pokals der Ball. In Berlin – wo die WM mit einem Kulturfest eröffnet wird, der Weltverband Fifa residieren wird, die deutsche Mannschaft ihr Trainingsquartier beziehen soll und Staatsgäste zum Endspiel am 9. Juli 2006 erwartet werden – gibt es in diesem Sommer keine Spiele. „Unser Probelauf waren das Länderspiel gegen Brasilien und das Pokalfinale“, sagt Berlins Sportsenator Klaus Böger. In Münchens Arena, wo die WM am 9. Juni 2006 angestoßen wird, bleibt nur der Test in Bundesliga und Champions League. Hier muss die Verkehrssituation rund ums Stadion verbessert werden.

Der Konföderationen-Pokal als Probelauf? Für die Tickets gilt das nicht. Sie sind nicht personengebunden. An den Drehkreuzen, die an den Stadien installiert wurden, kann nur getestet werden, ob sie funktionieren und ob gefälschte Tickets entdeckt werden. Bei der WM werden dann Chips in die Tickets integriert sein, die von Sensoren an den Drehkreuzen erkannt werden sollen. Rund um die Stadien werden viele Arbeiten erst kurz vor der WM beginnen. Der Bau riesiger Zeltstädte für VIPs und Sponsoren, den der Weltverband Fifa in seinem Pflichtenheft vorschreibt, ist für das Testturnier nur in kleinem Maßstab geplant.

Dennoch versuchen viele Behörden, ihre WM-Maßnahmen auszuprobieren. So wird beim Bundesinnenministerium ein Sicherheitszentrum eingerichtet, in dem alle Informationen zusammenlaufen. „Bei der WM ist das aber eine andere Nummer“, sagt Gabriele Kautz, Sprecherin von Innenminister Schily. Ausländische Hooligan-Experten, die 2006 gemeinsam mit deutschen Kollegen nach Gewalttätern fahnden sollen, sind in diesem Jahr nicht im Einsatz. Verbindungsbeamte aus allen sieben Gastländern wurden von der Polizei zum Konföderationen-Pokal eingeladen – ob sie kommen, ist unklar. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei in Neuss probt den Ernstfall deshalb eher theoretisch. „Wir sind in ein neues Gebäude umgezogen und haben die Beamten um 40 auf 54 aufgestockt“, sagt Frank Scheulen vom Landeskriminalamt Nordrhein- Westfalen. „Wir wissen aber, dass zur WM andere Fans kommen.“ Für Sicherheitsexperten macht es einen großen Unterschied, ob Flugzeuge voller englischer Fans nach Deutschland kommen oder ein Bus mit australischen Fans durchs Land fährt. Viele Maßnahmen des „Nationalen Sicherheitskonzepts“ für die WM greifen nicht. Dazu gehört die Möglichkeit, das Schengener Abkommen zum freien europäischen Reiseverkehr auszusetzen.

Der Zuspruch der Fans ist mit der WM kaum zu vergleichen. Für alle Spiele des Konföderationen-Pokals gibt es noch Karten, internationale Gäste werden kaum erwartet. Die Bahn, die WM-Sonderfahrpläne erstellt, wird keine zusätzlichen Züge einsetzen. „Der Pokal ist ein lokales Ereignis, die WM ein Weltereignis“, sagen Experten. Von den drei Millionen WM-Besuchern sollen eine Million aus dem Ausland kommen. Beim Testturnier werden die Gäste zu mehr als 90 Prozent aus dem Inland sein, meist aus den Austragungsstädten. Auch Staatsgäste werden kaum anwesend sein. „Wir können ja nicht alle Präsidenten der Welt einladen, um das WM-Protokoll zu üben“, scherzt Weltmeisterschafts-Sprecher Graus.

Eine politische Generalprobe für die WM gibt es also nicht – vor allem nicht für Otto Schily. Der für Sport zuständige SPD-Minister muss auf eine Wahlüberraschung hoffen, will er die WM im Amt erleben. Schily tröstet sich mit einem Fußballvergleich: „Wir machen es wie Liverpool in der Champions League. Die haben nach einem 0:3-Rückstand noch im Elfmeterschießen gewonnen.“

Lesen Sie morgen alles über die Termine und Vorbereitungen der deutschen Nationalmannschaft und der anderen sieben Teams zum Konföderationen-Pokal.

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