Sport : Halber Blick zurück

Der DFB klärt seine Rolle im NS-Regime auf – nun muss er seine Geschichtspolitik nach 1945 hinterfragen

Erik Eggers

Berlin - Im November 1954 publizierte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die 340 Seiten starke „Geschichte des deutschen Fußballsports“. Als „Bearbeiter“ zeichnete Carl Koppehel verantwortlich, der bis in die 1960er-Jahre hinein als DFB-Pressechef fungierte. Das Buch verkaufte sich gut, einige Neuauflagen folgten. Interessant ist es für Sporthistoriker aber vor allem, weil Koppehel darin das historische Wirken des DFB und seiner wichtigsten Akteure erstmals ausführlich deutete. Vieles aus dem Inhalt wurde fortan tausendmal abgeschrieben und verfestigte so über Jahrzehnte hinweg ein Geschichtsbild. Insofern verwandelte sich das Buch über die Fußballgeschichte selbst zu einem Dokument der Geschichte – zu einem Dokument der DFB-Geschichtspolitik in den Fünfzigerjahren und danach.

In der vergangenen Woche hat sich der Deutsche Fußball-Bund erstmals von dieser Geschichtsschreibung verabschiedet. 60 Jahre nach Kriegsende und ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland stellte der Verband die Studie „Fußball unterm Hakenkreuz“ vor, in der der Mainzer Historiker Nils Havemann die Gleichschaltung des DFB in der Zeit des Nationalsozialismus und den vorauseilenden Gehorsam von Funktionären beschreibt. Das Buch soll laut DFB-Präsident Theo Zwanziger der Anfang einer Debatte sein, kein Ende. Damit dies gelingt, ist ein Blick auf die Geschichtspolitik des DFB nach 1945 wichtig – dazu gehört auch die „Geschichte des deutschen Fußballsports“.

Der Autor Koppehel galt seinen Zeitgenossen als Experte. Er hatte nicht nur, wie er im Vorwort stolz festhielt, eine „fast zehnjährige Vorarbeit“ für das Werk geleistet. Auch kannte er viele Fußballer und Funktionäre aus der Pionierzeit persönlich, seinen Bücherschrank zierten „über 200 Jubiläumszeitschriften der Vereine und Verbände“. Heute allerdings springen die vielen Fehler und Verharmlosungen des Autors förmlich ins Auge. Viele Daten und Fakten sind schlichtweg falsch. Und in der Ahnengalerie am Ende des Buches etwa beschreibt Koppehel den DFB-Präsidenten Felix Linnemann als „einen der fähigsten Köpfe“ im DFB, seine „starke Hand“ habe den DFB „durch alle Krisen und Klippen gesteuert“. Dass Linnemann, der dem DFB zwischen 1925 und 1940 vorstand, im Krieg zum SS-Standartenführer befördert worden war und als Chef der Kriminalpolizeileitstelle Hannover direkt an der Verfolgung der Sinti und Roma beteiligt war, wie der Sportwissenschaftler Hubert Dwertmann kürzlich nachwies – das erfährt der Leser nicht.

Nun war diese krude Form der Geschichtsklitterung nicht unüblich in den Fünfzigerjahren, andere Verbände und Vereine beschönigten ebenfalls ihre Vergangenheit. Die fatale Selbstdarstellung des DFB nach 1945, die bis zum Jubiläum im Jahr 2000 anhielt, wird nun in der Studie „Fußball unterm Hakenkreuz“ aber nur angeschnitten – dieses Thema hatte Havemann nicht zu bewerten. Die spannende Frage, wie „der Sport seit 1945 mit seiner Vergangenheit umgegangen ist“ (Zwanziger), hat der Dachverband aber immerhin schon auf seiner Agenda.

Der DFB will dies am 7./8. April 2006 auf einem wissenschaftlichen Symposium in der Evangelischen Akademie Bad Boll diskutieren. Ein ebenso hoffnungsvolles Zeichen ist die Einrichtung des „Julius-Hirsch-Preises“, der dem 1943 in Auschwitz ermordeten jüdischen Nationalspieler ein Andenken setzt. Diese Form der Erinnerung ist auch deswegen nötig, weil die jüdischen Fußballer während des „Dritten Reiches“ der besonders niederträchtigen Form der „Damnatio memoriae“, der „Austilgung des Andenkens“, zum Opfer gefallen waren.

Ein Beispiel ist das „Kicker“-Bilderwerk, das 1939 als ein Sammelbilder-Album mit den Porträts aller bis dato aktiven deutschen Nationalspieler erschien. Darin wurden die beiden Juden Hirsch und Gottfried Fuchs, der mit seinen zehn Toren beim 16:0-Sieg 1912 gegen Russland bis heute einen nationalen Rekord hält, bewusst weggelassen. Dass der DFB in mancherlei Hinsicht zu spät kommt mit seinem Willen zur historischen Aufarbeitung, zeigt der Reprint dieses Bilderwerks, der 1988 gedruckt wurde. Auch darin werden Hirsch und Fuchs aus dem Gedächtnis des Fußballs verbannt.

Es gibt mithin vieles aufzuarbeiten. Neben den Biographien der Opfer auch die der Täter. Eine eigene Biographie über Felix Linnemann als wichtigstem DFB-Funktionär anno 1933 zu schreiben, liegt auf der Hand. Genauso wie eine differenzierte Darstellung des DFB-Gründungspräsidenten und Hygienikers Ferdinand Hueppe, der schon vor 1900 dem Sozialdarwinismus huldigte und sich während des „Dritten Reiches“ als Wegbereiter der Nazis feiern ließ.

Nicht zuletzt ist die Geschichte des deutschen Fußballjournalismus noch ungeschrieben. Hier tun sich ebenfalls wenig ruhmreiche Kapitel auf, wenn man die antisemitischen Hetztexte von Ernst Werner in den 1920er- und 1930er-Jahren liest. Werner, bekannt unter dem Kürzel „E.W.“, war seinerzeit Chefredakteur der einflussreichen Berliner „Fußball-Woche“. Wie Koppehel betätigte auch er sich am Ende seiner journalistischen Karriere als Hobby-Historiker. In seinem Artikel „Ereignisse und Persönlichkeiten“ rühmte er viele alte DFB-Funktionäre, die Opfer nach 1933 verschwieg er. Was das zu tun hat mit der DFB-Geschichte? Werners Text erschien in der Festschrift „75 Jahre DFB“. Das war im Jahr 1975.

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