Sport : Hamburger SV - 1. FC Kaiserslautern: Beim Sieger ist der Ärger besonders groß

Hartmut Scherzer

Die Pfälzer Spieler waren zu matt, um zu jubeln. Keiner riss die Arme hoch, jeder ließ sich erschöpft zu Boden sinken. Hinter ihnen lagen 93 Minuten Hitzeschlacht, ein packendes Spiel und ein glücklicher Sieg. 3:2 schlug der 1. FC Kaiserslautern den gastgebenden Hamburger SV und teilt weiterhin die Tabellenspitze mit Borussia Dortmund. Von zwei "Weltklasse-Halbzeiten" sprach Kaiserslauterns Teamchef Andreas Brehme, "in der ersten von uns, in der zweiten vom HSV". Dabei übertraf der Ärger über die zweite die Begeisterung nach der ersten bei weitem. Vom "Angsthasen-Fußball" nach der Pause, so Kapitän Thomas Hengen, war mehr die Rede als vom spielerischen Glanz davor.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de 3:0 hatten die Pfälzer zur Pause durch zwei Tore des überragenden Lincoln und einen Treffer Jeff Strassers geführt - und kamen in den zweiten 45 Minuten kaum noch aus ihrer Platzhälfte heraus. So gewaltig war der Druck des HSV, dem aber nach den Kopfballtreffern von Nico Hoogma und Erik Meijer trotz bester Chancen der Ausgleich versagt blieb. "Gott sei Dank hatten wir Georg Koch im Tor", bedankte sich Kotrainer Reinhard Stumpf beim Retter des FCK.

Das Wort "Weltklasse" ging einem sichtlich gestressten Brehme ("In so einem Spiel altert man um ein paar Jahre") leicht über die Lippen. Lincoln erhielt dieses Prädikat vom Teamchef für seinen Gala-Auftritt in der ersten Halbzeit. Nach 45 Minuten wusste jedenfalls die Bundesliga, dass Lincoln nicht nur ein berühmter amerikanischer Präsident war, sondern auch ein begnadeter Fußball-Künstler ist. Keiner im Stadion begriff so recht, warum HSV-Trainer Frank Pagelsdorf, vom Stadionsprecher als der "beste Trainer der Welt" begrüßt, dem brasilianischen Mittelfeldduo Lincoln/Ratinho so viel Spielraum ließ.

Es spricht für den HSV, dass er sich nicht aufgab. Bei seinem zweiten Treffer durch Meijer hatten die Gäste allerdings Pech, dass da Harry Koch in der Abwehr fehlte, der gerade an der Seitenlinie behandelt wurde. Koch musste dann wegen einer Schultereckgelenk-Verletzung ganz ausscheiden. Dafür wurde in der dramatischen Schlussphase der andere Koch zur großen Stütze im harten Abwehrkampf. Während vorn Lincoln und der eingewechselte Klose Konterchancen nicht nutzten und Pieckenhagen bei einer "Notbremse" gegen Riedl mit der Gelben Karte glimpflich davonkam, machte hinten Georg Koch mit Prachtparaden alle Ausgleichs-Chancen des HSV zunichte. Seine größte Tat: In der 90. Minute wehrte er einen strammen Schuss Besters ab.

Auch als sie aus der Kabine kamen, zeigten die Pfälzer keine freudigen Gesichter. Alle suchten nach einer Erklärung für den Einbruch nach der Pause. "Unverständlich, wie ängstlich wir gespielt haben", meinte Stumpf. "Obwohl wir die Dinge angesprochen haben, ging der Faden völlig verloren." Selbst der von seinem Chef so hoch gelobte Lincoln geriet beim Assistenten in die Kritik. "Das ist eben anders als in Braslien. In der Bundesliga musst du neunzig Minuten marschieren." All die Kaiserslauterer Kritik klang geradezu paradox.

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