Hamburger SV : Tabellenerster dank guter Erziehung

Die Hanseaten stehen nicht nur wegen der Tore von Mladen Petric an der Spitze der Fußball-Bundesliga. Sie zeigen auch eine besondere Einstellung.

Karsten Doneck[Cottbus]
Energie Cottbus - Hamburger SV 1:2
Gruppenbild mit Torschütze. Mladen Petric (Mitte) im Kreise seiner Mitspieler.Foto: dpa

Selbst erfolgreiche Torjäger neigen schon mal zur Resignation. Dabei hatte Mladen Petric doch alles richtig gemacht. Mit kleinen, geschickten Körpertäuschungen hatte er sich in Schussposition gebracht, dann den Ball im richtigen Moment genau durch die gegnerische Lücke Richtung Tor geschossen: ziemlich scharf, recht präzise. Ein Tor wurde aber nicht daraus. Vom Innenpfosten sprang der Ball zurück. „Nach dem Schuss habe ich überlegt, dass es heute mit einem Tor vielleicht bei mir nicht klappen könnte“, gestand er hinterher. Petric hat seine Mannschaft, den Hamburger SV, am Sonntag dann doch an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga gehalten. Sein fast schon obligatorisches Tor zum 2:1-Sieg bei Energie Cottbus köpfte der 27-jährige Kroate diesmal aber erst in der 90. Minute.

Von den insgesamt sieben Toren des HSV in den letzten vier Pflichtspielen hat Petric alleine sechs erzielt. „Er ist unsere Lebensversicherung“, sagt Abwehrspieler Bastian Reinhardt schmunzelnd und erteilt dem aus Dortmund geholten Torjäger den Ritterschlag. Petric ist indes nicht die einzige Erfolgskomponente des HSV. Da kommt viel Kleinteiliges hinzu: das Glück der späten Tore, die Geduld gegen defensiv ausgerichtete Gegner, das Sich-nicht-fallen-Lassen nach Rückschlägen wie dem 1:1-Ausgleichstor der Cottbuser. Das sind die Elemente, die darüber hinweghelfen, wenn den Auftritten der Hamburger – wie in Cottbus – fußballerisch mal der Glanz fehlt.

Im Gegendsatz zu anderen Mannschaften ist der HSV eingespielt

Der HSV hat in dieser Saison zudem den nicht zu unterschätzenden Vorteil, eine eingespielte Mannschaft aufs Feld schicken können. In Cottbus gingen zum Anpfiff zehn HSV-Profis auf den Platz, die auch schon in der vorigen Saison regelmäßig erste Wahl waren. Einzige Ausnahme: Mladen Petric. Die anderen neuen millionenschweren Einkäufe, speziell die beiden Brasilianer Thiago Neves und Alex Silva, müssen sich gedulden. Sie schien Jol anfangs im Hau-ruck-Verfahren ins Mannschaftsgefüge einbauen zu wollen, hat sich aber inzwischen eines Besseren besonnen und geht die Sache jetzt geduldiger an.

Alte Namen beim HSV, aber feine Unterschiede: Im Vorjahr war es für die Profis oft die bequemste Lösung, im Spiel einfach die Bälle und damit auch die Verantwortung immer mal wieder Rafael van der Vaart vor die Füße zu schieben. Im Hinterkopf steckte dabei der Gedanke, der Holländer, inzwischen bei Real Madrid, wüsste dann schon weiter. Diese fußballerische Drückebergerei ist beim HSV passé. Weil der reine Spielgestalter fehlt, müssen sich jetzt alle kreativ einbringen. „Wir sind jetzt noch schwerer auszurechnen“, sagt Mittelfeldspieler David Jarolim.

Trainer Martin Jol lobt den Charakter seiner Spieler

Gegen Ende der Trainerära von Thomas Doll hatte sich die Mannschaft durch Disziplinlosigkeiten selbst in Schwierigkeiten und sogar in Abstiegsnöte gebracht. Die Disziplin ließ auch in der Endphase unter Huub Stevens zu wünschen übrig, die fast sichere Champions-League-Teilnahme wurde noch verspielt. Martin Jol kann indes zwischenmenschlich derzeit keine Störfaktoren ausmachen. „Ich denke, dass meine Spieler eine gute Einstellung haben, die Jungs sind alle sehr gut erzogen“, erzählte der HSV-Trainer nach dem Cottbus- Spiel.

Späte Siege wie gegen den Karlsruher SC und jetzt gegen Cottbus (beide 2:1) oder das Aufholen von 0:2-Rückständen wie gegen den FC Bayern (2:2), Bielefeld (4:2) und Leverkusen (3:2) – das sind die Bubenstücke, die eine Mannschaft zusammenschweißen, die sie auch über Rückschläge wie das 0:3 beim VfL Wolfsburg schnell hinwegkommen lässt. „Mit jedem Spiel, das man gewinnt, wächst das Selbstvertrauen“, sagt Torwart Frank Rost. Aus bisher sieben Bundesligapartien ging der HSV fünf Mal siegreich hervor. Ob die Mannschaft bei ihren Siegen mal mehr, mal weniger Glanz verbreitet, das is Frank Rost letztlich völlig egal. Er denkt da pragmatisch. „Wer die meistenPunkte hat, der steht nun mal oben in derTabelle – so einfach ist das.“

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