Sport : Hamburger SV - VfB Stuttgart: Nackte Schwaben

Karsten Doneck

Sieger sehen gewöhnlich anders aus. Humpeln, um das linke Knie einen weißen Verband und das Gesicht schmerzverzerrt - so verschwand Jörg Albertz in der Kabine. Interviewwünsche, zahlreich an ihn herangetragen, lehnte er höflich, aber bestimmt ab. "Der Arzt will mich sehen", sagte Albertz. Gesundheit geht eben vor. Unmittelbar nach Spielschluss fiel die Diagnose glimpflich aus. "Wahrscheinlich eine Knieprellung", sagte HSV-Trainer Frank Pagelsdorf nach Rücksprache mit den Medizinern, "aber wir werden am Sonntag eine Aufnahme von dem Knie machen, dann haben wir ein genaueres Ergebnis."

Ein ganz anderes Ergebnis stimmte den Hamburger SV schon mal rundum glücklich. 2:0 (1:0) hatte die Mannschaft daheim vor 39 026 Zuschauern den VfB Stuttgart bezwungen, und Jörg Albertz war dabei noch eine entscheidende Figur gewesen. "Wir hatten einen etwas holprigen Anfang, aber wurden dann besser", sagte Albertz, der zehn Millionen Mark teure Einkauf des HSV von den Glasgow Rangers. Er selbst war derjenige, der die doch etwas angespannten Nerven der Hamburger nach der Auftaktniederlage in Cottbus beruhigte. Zum 1:0 traf der 30-Jährige nach Pass von Bernd Hollerbach selbst, das 2:0 durch Erik Meijer bereitete er mustergültig vor.

Und das, obwohl er bereits frühzeitig angeschlagen war. Schon in der 22. Minute war er in Nähe der Mittellinie allzu ungestüm in einen Zweikampf mit dem Stuttgarter Andreas Hinkel gegangen. Albertz wurde mit der Trage vom Platz gebracht und an der Seitenlinie zwei Minuten lang behandelt. Dann kehrte er zurück, als wenn nichts gewesen wäre. Pagelsdorf lobte ihn dementsprechend: "Er hat sehr viel Spielübersicht bewiesen." Und der HSV-Trainer konnte sich auch ein Eigenlob nicht verkneifen: "Ich bin froh, dass die taktische Maßnahme, Albertz mehr über die linke Seite kommen zu lassen, wirklich gegriffen hat."

Der VfB Stuttgart ermöglichte den Hamburgern solche Spielereien aber auch allzu großzügig. "Wir haben gut begonnen, waren anfangs ebenbürtig, aber dann haben wir selbst unsere Ordnung durch einfache Fehler durcheinander gebracht", sagte VfB-Coach Felix Magath. Gegen einen nach dem Wechsel sogar auf Zweitliganiveau absackenden Gast hätte der Sieg des HSV noch deutlicher ausfallen können, aber Hollerbach traf nur den Pfosten, und Heinz vergab eine weitere Riesenmöglichkeit.

Humor bewies wenigstens die kleine Kolonie der mitgereisten VfB-Fans. Weil schwäbische Viertele-Trinker und Hamburger Köm-Konsumenten nicht unbedingt gut Freund sind, entrollten die Gästeanhänger in ihrem Block vor dem Spiel ein Spruchband mit der Aufschrift: "Zum Strippen brauchen wir keine Reeperbahn." Und um ihrer Aussage Kraft zu verleihen, warfen sie beim Auflaufen beider Mannschaften zahlreiche Hosen auf den Platz. Altkleidersammlung auf Schwäbisch - solche Unterstützung half dem schwachen VfB jedoch nicht.

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