Hammerwerfen : Betty Heidler: Niederlage zur rechten Zeit

Die deutsche Hammerwerferin Betty Heidler kann sich bis zur Leichtathletik-WM in Berlin noch steigern. Das bewies sie beim Meeting in Cottbus.

Frank Bachner[Cottbus]
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Nicht perfekt gedreht. Betty Heidler ruft ihre Trainingsform noch nicht ab. Foto: dpa

Erst klatschte sich Betty Heidler auf die mächtigen Oberschenkel, dann noch mal an den Oberkörper. Ein Ritual, das dringend nötig war vor diesen drei Schritten in den Ring. Sie war jetzt bereit. Bereit für ihren letzten Wettkampf-Wurf vor der WM.

Betty Heidler rotierte viermal, dann schleuderte sie den Hammer quer über den Platz im Cottbuser Sportzentrum. Es war ihre letzte Chance, sie musste 73,75 Meter übertreffen. So viel hatte Kathrin Klaas bisher geworfen, und damit lag Heidlers Teamkollegin aus Frankfurt am Main auf Platz zwei beim Cottbuser Meeting. Heidlers Hammer flog und flog, und dann landete er bei 73,76 Metern, einen Zentimeter weiter als Klaas. Betty Heidler, die Hammerwurf-Weltmeisterin von 2007, hatte in letzter Minute noch einmal bestätigt, dass sie die Nummer eins in Deutschland ist. In Ulm war sie klar Deutsche Meisterin geworden.

Nur an die Siegesweite von Anita Wlodarczyk ist sie in Cottbus nicht herangekommen. Die Polin hatte den Hammer am Samstag 77,20 Meter weit geworfen, Weltjahresbestleistung. Man könnte das als eine bittere Niederlage für Heidler sehen. Man könnte allerdings die Niederlage auch anders sehen: dass sie der Weltmeisterin gerade recht kam.

Für Betty Heidler ist die Lage etwas verzwickt. Sie muss einerseits darauf achten, dass sie technisch gut in Form ist, die WM mit ihren wohl 2099 Athleten – so viele wie noch nie bei einer WM – beginnt schließlich am Samstag. Andererseits profitiert Betty Heidler sehr davon, dass sie in dieser Saison nicht zu weit geworfen hat, dass sie nicht in die Bereiche einer Wlodarczyk gekommen ist. Denn das hätte sie in die Favoritenrolle für Berlin gedrängt. „Es ist gut, dass sie nicht in dieser Rolle ist“, sagte Michael Deyhle, ihr Trainer. „Sie ist dadurch gelassener.“

Betty Heidler ist vor kurzem Studenten-Weltmeisterin geworden, mit ihrer Saisonbestweite von 75,83 Metern. In der Weltrangliste liegt sie damit auf Rang fünf. Ihr persönlicher Rekord steht bei 76,55 Metern. Im vergangenen Jahr, vor den Olympischen Spielen, war die Weltmeisterin Heidler Medaillenkandidatin. Vom Olympiasieg sprachen Beobachter. Am Ende landete sie auf Platz neun. Sie war mit dem Druck nicht klar gekommen.

Also achtet Deyhle in diesem Jahr darauf, „dass wir den Druck reduzieren und richtig kanalisieren“. Richtig kanalisieren, das bedeutet: Deyhle redet, Heidler schweigt. „Die ganzen Medienanfragen landen bei mir“, sagte der Trainer in Cottbus. „Ich halte aber alle Anfragen von Betty entfernt. Sie soll ihre Ruhe haben.“ Und seit Marathon-Star Irinia Mikitenko ihren WM-Start absagen musste, weil ihr Vater gestorben ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Öffentlichkeit noch mehr auf Heidler konzentriert. Schließlich ist sie unverändert die Titelverteidigerin.

Die 25-Jährige hielt sich an die Vorgabe ihres Trainers. Durch vier knappe Sätze quälte sie sich in Cottbus, dann drehte sie sich ab. „Ich habe hier gar nichts erwartet“, war einer dieser Sätze. Gar nichts? Sie hatte einiges erwartet. Zum Beispiel, dass sie technisch sauberer wirft und aggressiver noch dazu. Das gab Deyhle zu. Nach jedem Versuch ging er zu Heidler und mahnte mehr Aggressivität an. „Es ist eigentlich seltsam, dass sie das nicht hinbekommen hat“, sagte der Trainer. „Im Training hat es immer geklappt. Sie ist sicher nicht ganz zufrieden.“ Aber den Auftritt hochrechnen auf die WM? „Das kann man nicht. Sonst müsste man ja sagen, Wlodarczyk wirft in Berlin Weltrekord.“

Das würde nicht in den Fahrplan von Deyhle passen. Der hat eine andere Zahl im Kopf. „Wir wollen bei der WM 75 Meter werfen“, sagte er. „Dann werden wir sehen, was passiert.“

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