HAND gestoppt : Glanz auch ohne Gold

Benedikt Voigt schwärmt vom Besuch im Olympiastadion.

Die Weltmeisterschaft beginnt im Keller. Dort, wo die Sachen lagern, die man nie braucht, und die man lange suchen muss, falls man sie doch einmal braucht. Wenn dann trotzdem bereits in der dritten Tasche das vermisste Fernglas auftaucht, ist klar: Es wird ein guter Weltmeisterschaftsabend im Olympiastadion.

Eigentlich war das Programm vom Dienstagabend nicht unbedingt dafür geeignet, Begeisterung für die Leichtathletik zu wecken. Nur fünf Entscheidungen, darunter mit dem Dreisprung der Männer und den 3000 Meter Hindernis der Männer nicht unbedingt die spektakulärsten Finals. Und trotzdem fühlt man sich ab 18 Uhr drei Stunden lang im Olympiastadion sehr gut unterhalten. Hier Usain Bolt, der einen Zwischenlauf über 200 Meter bestreitet. Dort die Siegerehrung der Frauen über 100 Meter vom Vortag. Mit dem Fernglas lässt sich erkennen, dass sich die Jamaikanerin Shelly-Ann Frazer wie ein kleines Mädchen benimmt, und vor Aufregung auf und ab hüpft. Vor ihr liegt Sanya Richards auf der Bahn, eingehüllt in eine amerikanische Fahne. Die Siegerin über 400 Meter hat ihre Ehrenrunde unterbrochen, um der Siegerehrung beizuwohnen. Das hätte übrigens Steffi Nerius auch machen sollen, denn sie störte mit ihrer Ehrenrunde die abschließende Siegerehrung. Konnte man das im Fernsehen auch bemerken?

Natürlich hätte man in der Live-Übertragung noch mehr Bilder bekommen, noch mehr Informationen erhalten, noch mehr Zeitlupen studiert. Im Stadion aber ist man sein eigener Regisseur und bestimmt selber, wo man hinguckt und was einen interessiert. Und manchmal kann die tschechische Zuschauergruppe interessanter sein als die deutsche 100-Meter-Läuferin, die im Vorlauf ausscheidet. Hat das Fernsehen überhaupt den wunderbaren Sonnenuntergang hinter dem Marathontor vom Dienstagabend ausreichend gewürdigt?

Natürlich krönte Steffi Nerius’ Sieg den Besuch im Olympiastadion. Doch wir sind uns inzwischen sicher: Er hätte auch ohne Gold geglänzt.

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