Handball : Flaschen tragen und Tore werfen

Füchse-Nachwuchsspieler Martin Murawski könnte heute den verletzten Star Konrad Wilczynski ersetzen.

Hartmut Moheit

Berlin - Ohne Illusionen betreibt Martin Murawski derzeit seinen Job als Profi bei den Füchsen Berlin. „Ich bin immer noch der Flaschenträger“, sagt der 20-Jährige, „in der Nahrungskette stehe ich ganz unten.“ Damit möchte der talentierte Linksaußen in den Reihen des Handball-Erstligisten eigentlich nur umschreiben, dass seine Rolle im Team nach wie vor die des Lehrlings ist. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Murawski bereits heute gegen die Rhein-Neckar Löwen (20.15, Max- Schmeling-Halle) die Chance zur ersten Gesellenprüfung bekommt. Zwar wird Stamm-Linksaußen Konrad Wilczynski, der letztjährige Bundesliga-Torschützenkönig, nach den am Mittwoch in Wetzlar erlittenen Kopfverletzungen wieder dabei sein, aber zumindest ein längerer Einsatz dürfte heute für ihn zu früh kommen. „In Wetzlar hat Martin ihn bereits ordentlich ersetzt“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning. Die Bilanz lautete da: zwei Tore, drei verworfene Bälle. „Normalerweise ist das zu wenig“, findet Hanning zwar, „aber zunächst einmal ist das schon okay.“

Hanning setzt auch in diesem Fall auf die Zukunft, umschreibt – wie schon oft zuvor – seine Strategie mit dem Wort „Berlinisierung“. Dahinter steckt der Plan, Talenten aus Berlin im Erstligateam der Füchse eine Chance zu geben. Torhüter Jens Vortmann (21) hat es bereits bis in die Junioren-Nationalmannschaft gebracht. Als nächstem Talent traut der ehemalige A-Jugend-Trainer Hanning auch Kreisspieler Colja Löffler (19) einiges zu, mit Torhüter Tom Lessig (19) sowie Gabor Langhans (19) sind weitere Talente im Bundesliga-Kader. Den Unterschied zwischen einem Nachwuchsteam und der Bundesligamannschaft nennt Hanning aber „galaktisch“.

Martin Murawski macht diese Erfahrung täglich. An Kraft, Schnelligkeit und Konsequenz muss er noch arbeiten. „Wenn du in der A-Jugend einen Gegner ausgespielt hast, dann kannst du dich auf den Torwurf konzentrieren“, sagt er. „In der Bundesliga passiert das alles unter viel größerem Druck, unter Bedrängnis bis zuletzt.“ Im Gegensatz zur aktuellen Füchse-Jugend konnte Murawski erst seit zwei Jahren zielgerichtet erlernen, das zu bewältigen. „Da haben wir unser Nachwuchskonzept gestartet. Das Entwickeln von Persönlichkeiten ist darin enorm wichtig“, sagt Bob Hanning.

Für Martin Murawski, dem dieser längere Vorlauf fehlt, sind deshalb die Vorbilder im eigenen Team besonders wichtig. Er sieht sich selbst als „schnell und geradlinig“, als „kein Spieler der mit besonderen Aktionen wie Drehwürfen den Erfolg sucht“. Wie zum Beispiel Konrad Wilczynski, der bei den Füchsen mit einem Vertrag bis 2011 ausgestattet ist und damit linksaußen noch lange der Maßstab sein wird. „Aber ich kann dennoch sehr viel von ihm lernen. Das ist für mich sehr wichtig.“ Wilczynski helfe ihm mit Tipps sehr, andererseits kämpfe er selbst um jede Einsatzzeit. Natürlich sei das Verletzungspech der Nummer eins für ihn eine große Chance, sich zu beweisen. Mit den heutigen Gegenspielern im Team der Rhein-Neckar Löwen, Jan Filip und Patrick Groetzki, die er ohnehin gut kennt, hat sich Murawski deshalb noch einmal besonders intensiv beschäftigt. Das Vertrauen von Trainer Jörn-Uwe Lommel hat Murawski ebenfalls. „Ich äußere mich zwar öffentlich nicht zu meinen Spielern“, sagt der, „aber Martin hat einen großen Schritt getan, hängt sich auch immer voll rein.“ Mehr durfte Murawski, den sie im Team „Muri“ nennen und dessen Eltern ebenfalls Handballer sind, zu diesem Zeitpunkt noch nicht erwarten. Im Spiel gegen die Rhein-Neckar Löwen, die neun Spieler bei Olympia in Peking dabeihatten, die Stars wie Henning Fritz, Oliver Roggisch, Christian Schwarzer oder den Isländer Gudjon Valur Sigurdsson in ihren Reihen haben, gilt es nun, diesem Lob gerecht zu werden. Die Flaschen für die Mitspieler wird er dennoch auch weiterhin tragen müssen.

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