Handball-Föderation : Freiflug für den Pharao

Auszahlungen ohne Belege: Wie sich Handball-Präsident Moustafa aus der Kasse des Weltverbands bedient.

Erik Eggers[Hamburg]
moustafa
Undurchsichtig. Der IHF-Chef pflegt seltsame Praktiken. -Foto: AFP

Es nicht lange her, dass sich Doktor Hassan Moustafa, der Präsident der in Basel ansässigen Internationalen Handball-Föderation (IHF), in bester Laune zeigte. Alle Probleme seien gelöst, ließ der Ägypter wissen, als er Ende März mit „meinem Freund“, dem IOC-Vizepräsidenten Thomas Bach, das Olympia-Qualifikationsturnier der Frauen in Leipzig besuchte. Dass der Internationale Sportgerichtshof just die IHF hart kritisiert hatte in jenem spektakulären Manipulationsskandal, der, einmalig in der 112-jährigen olympischen Geschichte, eine Wiederholung der asiatischen Olympia-Qualifikationen nötig gemacht hatte: Geschichte für den obersten Handballfunktionär. Dass die IHF diesen Skandal selbst drei Monate lang verschleppt hatte: kein Thema mehr. Sogar IOC-Präsident Jacques Rogge, prahlte Moustafa, habe ihm persönlich „bestätigt, dass die IHF keine Fehler gemacht hat“. Und dann kündigte er an, noch für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen: „Ich trete 2009 wieder an.“

Nun, nur zwei Wochen später, ist die gute Stimmung dahin. Muss sich der Ägypter doch mit einem neuen Skandal auseinandersetzen. Gegenstand diesmal: das seltsame Finanzgebaren des Präsidenten. Nach Recherchen des Tagesspiegels und des NDR hat Moustafa zwischen Dezember 2000, als er sein Amt als IHF-Präsident antrat, und Juni 2007 für seine zahlreichen Flüge im Auftrage des Welthandballs keinerlei Belege vorgelegt – und dennoch rund 560 000 Schweizer Franken für diesen Zweck aus der IHF-Kasse erhalten. Dies bestätigte IHF-Innenrevisor Jürg Steib auf Anfrage – und verteidigte sich selbst: „Seit ich Revisor bin, weise ich auf die unvisierten oder fehlenden Belege hin.“ Steib sieht vor allem in dem spanischen IHF-Schatzmeister Miguel Roca Mas den Verantwortlichen für die erheblichen Unregelmäßigkeiten: „Es liegt am IHF-Finanzchef zu entscheiden, ob und wann eine Rechnung oder Spesennote zu bezahlen oder zurückzuweisen ist.“

Auszahlungen ohne Belege, erklärt Steib lächelnd, gehörten zum Selbstverständnis des IHF-Präsidenten: „Das ist die Mentalität der Ägypter, das kann man nicht ändern.“ Moustafa selbst verteidigte sich auf geradezu naive Weise. Dass Belege nötig seien, habe ihm bei Amtsantritt im Jahre 2000 „niemand gesagt“, erklärte er mit Unschuldsmiene. Erst vor einem halben Jahr sei dies „plötzlich“ ein Thema geworden. Daraufhin habe er dem IHF-Council unverzüglich diesen Fall vorgelegt – und dort sei dann beschlossen worden, dass er als Präsident weiterhin ohne Belege abrechnen dürfe. „Das geht mit unseren Statuten, das hat der Kongress oder der Rat beschlossen“, versicherte Moustafa.

Dabei lässt das Reisekosten-Reglement der IHF wenig Spielraum: „Wann immer möglich, sind der Abrechnung Belege beizufügen“ – und nicht etwa vage Kostenvoranschläge des IHF-Reisebüros für eventuelle Flüge, wie es Moustafa handhabt. Der auf der Hand liegende Verdacht, dass Moustafa womöglich die Belege woanders noch einmal abrechne oder, als wichtiger ägyptischer Sportpolitiker, womöglich bei Egypt Air kostenlos fliege, interessiert IHF-Revisor Steib nicht: „Das kann man nicht kontrollieren und will man auch nicht.“ Warum die Buchhalterin der IHF, Anne Gsell, das Geld jahrelang gegen jede Vorschrift ausgezahlt hat, darauf hat Revisor Steib eine einfache Antwort: „Moustafa ist der Pharao der IHF, Frau Gsell ist eine einfache Buchhalterin“, so Steib, und er fragt: „Soll Frau Gsell dem Doktor Moustafa sagen: Das Geld bekommst du nicht, wenn kein Beleg da ist?“

Moustafa, dem ein barscher und autokratischer Führungsstil nachgesagt wird, dürften nun unruhige Zeiten bevorstehen, zumal die Mitglieder des IHF-Council offenbar über das Ausmaß der kreativen Buchführung nicht detailliert informiert worden sind. Ändern will der ägyptische Handballfunktionär das aber keinesfalls. Auch in Zukunft werde er bei der Abrechnung seiner Flüge keine Belege einreichen. Das sei auch weiterhin, betonte Moustafa, „eine Sache des Vertrauens“.

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