Harald Martenstein : Die Philosophie des Dopings

Über ein gewisses Grundmisstrauen und die Folgen für die Sportler.

Harald Martenstein
Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Ich sehe den Olympiasiegern beim Siegen zu. Da gibt es diesen Wunderschwimmer, Michael Phelps. Ein Weltrekord nach dem anderen. Dabei denke ich: Je besser einer ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er dopt. Damit beschuldige ich niemanden im Speziellen und spreche auch keine pauschale Vorverurteilung aus. Ich lerne lediglich aus Erfahrung. Wenn bei vergangenen Spielen gedopt worden ist, nachweislich, dann wird es dieses Mal wohl kaum anders sein. Zumal in Peking, falls Sie verstehen, was ich meine.

Man bekommt, als Folge dieses Wissens, ein Grundmisstrauen. Man traut diesen Olympischen Spielen und ihren Siegern so wenig über den Weg, wie man einem Typ über den Weg trauen würde, der einen schon dreimal übers Ohr gehauen hat und der nun beteuert, er sei in sich gegangen und ehrlich geworden. Anderererseits wissen auch die Sportler, dass große Teile der Öffentlichkeit sie verdächtigen. Egal, ob sie nun dopen oder nicht, sie stehen unter Verdacht.

Was würde ich selbst tun, wenn ich zum Beispiel Schwimmer wäre? Wenn ich ein Sportler wäre, dann würde ich mir Folgendes überlegen: Ich werde sowieso verdächtigt. Vor allem, wenn ich gewinne, stehe ich unter Verdacht. Deswegen erscheint es mir, nach den Gesetzen der Logik, klüger zu dopen. Denn wenn ich, wie durch ein Wunder, ohne Doping gewinne, werde ich wahrscheinlich genauso verdächtigt wie ein Sieger, der tatsächlich gedopt hat, was ihm natürlich im Wettbewerb einen Vorteil verschafft. Nicht zu dopen, verschafft mir nur Nachteile und keinen erkennbaren Vorteil. Es sei denn, das Gefühl, ehrlich zu sein, gibt mir einen größeren Kick als das Gefühl zu siegen. Als Sportler denke ich nicht so.

Ich könnte erwischt werden. Es ist wohl auch ungesund. Nun, ein Risiko gehört dazu. Als Siegertyp muss ich bereit sein, Risiken einzugehen – sogar das Risiko zu sterben. Ich bin heroisch. Und wenn ich nicht dope, riskiere ich schließlich auch etwas. Ich riskiere die besten Jahre meines Lebens. Ich trainiere wie blöde, und am Ende kommt nichts dabei heraus. Ein sechster Platz vielleicht. Zehn, 20 Jahre – für nichts. Und andere, die weniger Talent haben als ich, stehen auf dem Siegerpodest.

Das Publikum liebt Sieger, es identifiziert sich mit ihnen. Deswegen werden sie im Zweifelsfall zu mir halten. Sie müssten sich von sich selbst distanzieren, von ihrer eigenen Begeisterung, wenn sie sich gegen mich wenden. Solange meine Schuld nicht bewiesen ist oder zumindest wahrscheinlich, wird deshalb die Mehrheit des Publikums zu mir halten. Bin ich denn überhaupt ein Betrüger, wenn ich im Finale drei andere abhänge, die ebenfalls dopen? Nein, ich stelle lediglich gleiche Wettbewerbsbedingungen her. Deshalb tue ich es.

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