Sport : Harte Manöver, sanfte Töne - Im Hause Schumacher herrscht die gewohnte Eintracht

Hartmut Moheit

Im Zweifel weist Martin Luther noch heute den Weg: "Frieden erhalten ist besser als Frieden schließen." Nun hatten sich Michael und Ralf Schumacher zwar nicht extra in die Schriften des großen Reformators vertieft, aber sie handelten danach. Die 50. Runde beim Grand von Spanien in Barcelona, als der Ferrari-Star den BMW-Aufsteiger leicht abgedrängt und ihm damit den Podiumsplatz genommen hatte, soll kein Thema mehr sein. Nicht erst seit gestern, als beide am Nürburgring auch nach außen hin demonstrierten, dass es nicht den "großen Knall" zwischen ihnen gegeben hat. "Die Formel 1 wird nie etwas an unserer Beziehung ändern, weil die Familie an erster Stelle steht", verkündete Ralf Schumacher, der in Spanien zunächst wie ein Rohrspatz geschimpft hatte. "Okay, das Manöver war sehr hart. Es ist andererseits aber nun mal eine Tatsache, dass Michael und ich uns nicht gerne überholen lassen", meinte der "Kleine", der am Sonntag beim Großen Preis von Europa auf dem Nürburgring seinen 55. Grand Prix fahren wird. Auch Michael Schumacher, für den der Vorgang auf dem Circuit de Catalunya ein "sehr spannender Zweikampf" war, wollte von einem Bruderzwist nichts wissen. Die heile Welt war gerettet, es gibt keine negativen Schlagzeilen aus dem Hause Schumacher.

Einige hätten diese Entwicklung offenbar gern anders gesehen. Sie misstrauen dem Frieden und warten bereits auf den nächsten Crash. Frei nach der angeblichen Aussage von Ralf Schumacher: "Im Rennen kenne ich keinen Bruder", die in Wahrheit so klingt: "Wir sind Brüder, aber auf der Strecke Rivalen."

"Entschuldigung, aber da war zwischen uns absolut nicht mehr", betonte Michael Schumacher erneut. So wäre es auch nicht nötig gewesen, gestern in der Pressekonferenz Doppel-Weltmeister Mika Häkkinen als Friedensstifter zwischen die beiden Brüder zu setzen. Den kühlen Finnen erheiterte es sichtlich, wie Michael und Ralf auf die bohrenden Fragen antworteten. Einmal schaute er nach links, dann wieder nach rechts und amüsierte sich auf seine Art.

Shakehands auf dem Siegerpodest am Sonntag nach dem sechsten Saisonrennen, das wäre so recht im Sinne des Brüderpaars. Im Vorjahr brachte ein Reifenschaden Ralf Schumacher nach langer Führung um den Sieg, während sein berühmter Bruder den Beinbruch von Silverstone auskurierte. Diesmal sehen beide wesentlich bessere Chancen für sich. Ralf Schumacher ist mit BMW-Power im Williams bisher schnell und zuverlässig unterwegs gewesen (zwölf WM-Punkte/Rang 5), und Michael Schumacher führt das Klassement nach drei Siegen, einem dritten und einem fünften Platz mit 36 Zählern noch klar an. 14 Punkte dahinter folgt Häkkinen im Silberpfeil.

Häkkinen hat sich diesmal für den Nürburgring besonders viel vorgenommen. Selbst, als während der Pressekonferenz die deutsche Fahne unter den Klängen der Nationalhymne aufgezogen wurde, blieb er ganz ruhig. Erst wehrte Häkkinen Fragen zur einer vermuteten Schwangerschaft seiner Frau Erja ("Alles Privatsache") ab, dann dementierte er seinen Rücktritt zum Saisonende ("Die Saison 2000 zählt") und schließlich philosophierte der Champion: "Rennen werden im Kopf gewonnen. Du musst einfach lernen, den Druck positiv umzusetzen. Ich bin jetzt der Jäger. So lange ich jagen kann, habe ich keinen Druck."

Doch auch auf dem Nürburgring gilt: Der Zweite ist immer nur der beste Verlierer. Und wenn diese Binsenwahrheit dem Titelverteidiger nicht bekannt sein dürfte, dann sollte er den Blick zum Eifel-Himmel wenden. Seit zwei Tagen regnet es, Wetterbesserung ist bis Sonntag nicht in Sicht. Und damit müssen alle 22 Fahrer fertig werden, ob mit oder ohne Druck. Auch, dass sich Michael und Ralf Schumacher erneut hart bekämpfen werden, könnte bei nassem Untergrund wahrscheinlicher werden.

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