Sport : Hertha BSC: Der absolute Präsident

Stefan Hermanns

In Cottbus hat alles angefangen. Damals, im grauen März, hat die goldene Zukunft begonnen. Hertha lag zur Pause 0:2 gegen Energie zurück, und weil ohnehin alles verloren war, hat Herthas Trainer Jürgen Röber eine scheinbar mutige Entscheidung getroffen. Er wechselte Sebastian Deisler ein und ließ ihn - statt wie gewohnt an der rechten Außenlinie - erstmals auf einer etwas zentraleren Position spielen. Deislers Auftritt an ungewohnter Stelle war an diesem tristen Spätwintertag mit der 0:3-Niederlage für die Berliner das einzig Positive.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Heute, fünf Monate später, spielt Hertha BSC wieder gegen Energie Cottbus, und Sebastian Deisler hat im zentralen Mittelfeld der Berliner schon lange seinen festen Platz gefunden. Bei Hertha ist der 21-Jährige inzwischen der Chef auf dem Platz so wie heute auf der anderen Seite Vasile Miriuta. Der Spielmacher lebt. Doch den direkten Vergleich mit dem Cotbusser Miriuta wird es heute im Olympiastadion nicht geben. Sebastian Deisler fehlt wegen Adduktoren- und Wadenproblemen, die er sich beim Länderspiel in Budapest zugezogen hat. Dort hat Deisler die Nachteile seiner neuen Aufgabe kennen gelernt. Die Nummer 10 der Nationalelf erfuhr im Nepstadion eine wenig zärtliche Behandlung durch seine Gegenspieler. Von wegen Freundschaftsspiel. Um Deisler zu stoppen, schreckten die Ungarn auch vor schärferen Methoden nicht zurück. Jürgen Röber, Herthas Trainer, klagte: "Es wäre sinnvoll gewesen, wenn Sebastian früher ausgewechselt worden wäre."

Röber sieht in Deisler nicht den Spielmacher klassischer Prägung, keinen neuen Netzer oder Overath. Aber das liegt weniger an Deisler als an den Rahmenbedingungen im modernen Fußball. "Das Spiel heute ist anders geworden", sagt Röber. "Ein Spielmacher braucht andere Qualitäten." Auch für Franz Beckenbauer ist Deisler "noch nicht der klassische Chef". Vielleicht wird er das auch nie werden. Denn wie zu Beckenbauers Zeiten schöne Pässe zu schlagen und den Wasserträger die Drecksarbeit machen zu lassen - "das kann man sich heute nicht mehr erlauben", sagt Röber.

Was der Spielmacher neuen Typs mit dem Spielmacher klassischer Prägung gemeinsam hat, ist für Röber die Fähigkeit, "das Geschehen an sich zu reißen und auf dem Platz zu bestimmen, wo es langgeht, ein Spiel zu lesen und zu entscheiden", notfalls mit einem Elfmeter oder einem direkt verwandelten Freistoß. Eigentlich sollte Deisler heute gegen Cottbus wieder das alleinige Sagen in Herthas Mittelfeld haben. Für den Brasilianer Marcelinho war ein Platz in der Spitze vorgesehen. Das Kompetenzgerangel, das Herthas Spiel bei der Niederlage gegen Borussia Dortmund teilweise gelähmt hat, wäre damit beseitigt gewesen - zu Deislers Gunsten. Weil der nun fehlt, wird Marcelinho in die Spielmacherrolle rücken, Rob Maas bleibt nach seiner guten Leistung in Freiburg im defensiven Mittelfeld.

Auch in der Nationalmannschaft ist der Berliner inzwischen unumstrittener Chef im Mittelfeld. Josef Blatter, der Präsident des Weltfußballverbandes, lobte Deislers Auftritt beim 5:2 gegen Ungarn mit den Worten: "Deisler hat gespielt wie ein richtiger Präsident." Auch Günter Netzer, gewissermaßen die Mutter aller Spielmacher, hat sich längst dafür ausgesprochen, "dass Sebastian noch stärker in die Führungsrolle schlüpft". Der aber schwankt zwischen Selbstbewusstsein und Bescheidenheit. Deisler will auf dem Feld am liebsten jeden Ball haben, jede Ecke schießen, jeden Freistoß. Den Rat seines Trainers, sich "ab und zu mal herauszunehmen, in Phasen, die er selbst erkennen muss", würde Deisler am liebsten ignorieren. Andererseits wehrt er sich entschieden gegen alle öffentlichen Lobpreisungen. Vor gerade zwei Monaten hat er noch gesagt: "Ich bin nicht der neue Chef im Mittelfeld der Nationalmannschaft." Er meint das ernst. Doch die Realität hat ihn längst widerlegt.

Sebastian Deisler - man vergisst dies leicht angesichts seiner verantwortungsvollen Rolle - ist erst 21 Jahre alt und damit immer noch im lernfähigen Alter. Jürgen Röber glaubt daher, dass Deisler in seine Rolle "langsam reinwächst", auch was den Umgang mit der Öffentlichkeit angeht. Röber ist zuversichtlich, dass Deisler lernt, wie "er den Ansprüchen gerecht wird, ohne dass er alles machen muss". Auf dem Platz muss er das manchmal auch noch lernen.

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