Hertha BSC : Der Trainer zweifelt

Lucien Favre hadert nach einem müden Testspiel mit der Qualität in Herthas Kader. Manager Dieter Hoeneß gibt sich gelassen.

Claus Vetter
Favre
Zweifel an der Qualität? Trainer Lucien Favre spricht mit Kapitän Arne Friedrich. -Foto: ddp

Es war ein Moment, in dem Lucien Favre von vornehmer Schweizer Zurückhaltung nichts wissen wollte. Als „ersten ernstzunehmenden Test“ während der Saisonvorbereitung in Österreich hatte der neue Trainer von Fußball-Bundesligist Hertha BSC die Partie gegen HNK Rijeka angekündigt. Favre hatte sehen wollen, wie seine Mannschaft „unter Druck agiert“. Und nun lagen 90 triste und torlose Spielminuten hinter ihm. Selbst die wenigen kroatischen Fans hatten während der kaum mitreißenden Darbietung ihre akustischen Anfeuerungsversuche abgebrochen und am Bierstand ein Alternativprogramm eröffnet. Favre stand dann doch ein wenig frustriert im Schatten der Tribüne des kleinen Stadions von Stegersbach im Burgenland. „Es fehlt der Mannschaft ein wenig an Qualität“, sagte er, „so wird es schwierig, in der Bundesliga zu bestehen. Ich muss das klar so sagen.“

Es war in der Tat eine interessante Aussage. Vorsichtig formuliert erscheint es denkbar, dass sich der vom FC Zürich gekommene Schweizer Trainer des Jahres seine ersten Arbeitstage bei einem deutschen Bundesligisten anders vorgestellt hat. Favre kann sich wohl immer weniger damit anfreunden, dass er mit einer Mannschaft arbeiten muss, die dann in dieser Besetzung nicht so spielen wird: Die drei Brasilianer Mineiro, Gilberto (bei der Copa America im Einsatz) und der Neuzugang Lucio sind im Trainingslager nicht dabei. Dazu kommt das anhaltende Gezerre um die Brüder Kevin- Prince und Jerome Boateng, die bei Tottenham Hotspur und dem Hamburger SV gehandelt werden. Jerome, der jüngere der beiden, ist gar nicht mit im Trainingslager, weil er zum deutschen Aufgebot für die U-19-Europameisterschaft gehört. Und dazu kommt vor allem, dass die erhofften Verstärkungen bei Hertha auf sich warten lassen. Der umworbene Gelson Fernandes, Kapitän der Schweizer U-21-Nationalmannschaft wechselt vom FC Sion zu Manchester City. Der Premier-League-Klub hatte das Angebot von Hertha (3,5 Millionen Euro) deutlich überboten, was Herthas Manager Dieter Hoeneß gestern so kommentierte: „Wenn die Engländer oder die Russen kommen, kannst du eben nichts machen.“

Im Falle von Mittelfeldspieler Kweku Essien hätte Hertha etwas machen können. Nach dem Spiel gegen Rijeka am Samstagabend lobte Trainer Lucien Favre den jungen agilen Ghanaer, der in seiner Heimat zum Spieler des Jahres gewählt worden ist. „Essien hat gut gespielt und wird noch ein paar Tage bei uns bleiben.“ Am Sonntagmorgen aber wurde die Mannschaft dann vor dem Lauftraining davon informiert, dass der junge Ghanaer abreist. Favre ruderte prompt zurück. Er habe gesagt, dass Essien „vielleicht“ bleibe, und es sei eben „immer eine Frage von Qualität und Preis“. Laut Manager Hoeneß war es allerdings nur eine Frage der Qualität. „Wäre er 19 Jahre alt, dann wäre er für uns ein guter Spieler gewesen, dann hätte man ihn noch ändern können, aber bei einem 23-Jährigen geht das nicht.“

Hoeneß gibt zwar zu, dass sein Klub in punkto Verpflichtungen „ein bisschen spät dran“ sei, aber: „Das ist normal, wenn man so spät einen Trainer holt.“ Und dann widerspricht er Favre doch ein wenig. „Wir brauchen kein Spiel gegen Rijeka, um neue Erkenntnisse zu bekommen.“ Er sei mehr als 30 Jahre im Geschäft, die Kroaten stünden eine Woche vor Saisonstart, Hertha dagegen sei mitten im Training. „Da ist der Schwerpunkt auf der physischen Seite, da fehlt die Spritzigkeit.“ Der Trainer sah es anders. Rijeka ist nach europäischen Maßstäben ein eher zweitklassiger Klub, in der heimischen Zehnerliga ist er in der vergangenen Saison nur Siebter geworden. Gegen einen solchen Gegner sind für Favres Geschmack einige seiner Spieler „nicht das erwünschte Tempo gegangen“. Am Dienstag erhalten sie eine neue Gelegenheit dazu, wenn die Mannschaft unweit von Stegersbach zum Abschluss des neuntägigen Trainingslagers in Bad Waltersdorf auf den FC Middlesbrough trifft. Dass sich der Premiere-League-Klub, vor einem Jahr noch Finalist im Uefa-Cup, am Samstag beim 0:3 gegen Schalke 04 blamiert hatte, dürfte die Angelegenheit für die Berliner nicht einfacher machen.

Manager Dieter Hoeneß hat allerdings weniger Bedenken ob der Qualität der Mannschaft. „Mit dem bestehenden Kader können wir in der Bundesliga spielen“, sagt er. So gravierend seien die Unterschiede nicht im Vergleich zur abgelaufenen Saison. Der abgewanderte Yildiray Bastürk habe verletzungsbedingt gar nicht immer gespielt. Und dann seien mit den Brasilianern ja noch drei Spieler unterwegs, die bald zum Kader stoßen werden. Zudem sei es für „grundsätzliche Themen“ noch viel zu früh. „Wir müssen Geduld aufbringen“, sagt Hoeneß. „Der 31. August ist für mich der Maßstab, nicht der Saisonauftakt.“ Das aber könnte für Trainer Lucien Favre zu einer Geduldsprobe werden, denn: Am 31. August schließt die Transferliste, dann wird Hertha schon ein Pokal- und drei Punktspiele hinter sich haben.

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