Sport : Hertha BSC: Die moldauischen Stiere trampeln schon

Sven Goldmann

Die hohen Gäste kamen zur Mittagszeit. Das frisch renovierte Flughafengebäude von Chisinau war geräumt, die Passkontrolle keine, die diese Bezeichnung verdient, und draußen wartete schon der Bus. Nicht irgendeiner, sondern der, mit dem die Nationalmannschaft zu reisen pflegt. Für die Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum reichte die Hälfte der sonst üblichen 40 Minuten, weil zur Anreise der Berliner Delegation kurzerhand die Straßenverkehrsordnung außer Kraft gesetzt wurde. Rote Ampellichter hatten allenfalls folkloristischen Charakter. Und sollte es heute am späten Nachmittag zu früh zu dunkel werden, dann gehen vielleicht in der gesamten Stadt die Lichter aus, damit genug Strom für die Flutlichtanlage im Nationalstadion von Chisinau da ist.

Der Aufenthalt von Hertha BSC anlässlich des Uefa-Cup-Hinspiels beim moldawischen Fußballmeister Zimbru Chisinau (heute 16 Uhr, live im DSF), er hat etwas von einem Staatsbesuch.

Vielleicht sind es solche Nebensächlichkeiten, die das Selbstwertgefühl der zuletzt so enttäuschenden Berliner Mannschaft anheben und das Auftaktlos im Uefa-Cup-Wettbewerb für die Vereinsführung ein wenig angenehmer machen. Zimbru Chisinau - Herrgott, sagt sich Manager Dieter Hoeneß, das ist ein Gegner, bei dem du nur verlieren kannst. Natürlich. Zimbru Chisinau ist alles andere als ein attraktiver Gegner und hat schon ganz andere Stadien als das olympische in Berlin leergespielt.

Gewinnt Hertha, ist dies das Normalste der Welt und bedarf keinerlei besonderer Wertschätzung. Das Unangenehme für diese Berliner ist: Sie müssen gewinnen. Auch ohne Kapitän Michael Preetz. Der Torjäger verletzte sich gestern leicht, möglicherweise kann er heute nicht spielen.

Dieter Hoeneß weiß, dass er sein Produkt Hertha BSC nur auf internationaler Ebene gewinnbringend vermarkten kann. Mag der Uefa-Cup für Franz Beckenbauer und seine Bayern auch der Pokal der Verlierer sein, für Hertha ist er in dieser Saison der Maßstab für den Wert der vergangenen Erfolge und die Ansprüche an die Zukunft. Wer seinen Verein wie der neue Präsident Herthas, Bernd Schiphorst, in einem Atemzug mit Real Madrid, Manchester United oder Bayern München hören will, der darf sich mit der Lösung eines Problems namens Zimbru Chisinau nicht lange aufhalten. Das weiß Manager Hoeneß, das weiß Trainer Röber, das wissen die Spieler.

Doch Wissen allein verhilft nicht zu Siegen, es kann auch Zweifel nähren. Zimbru Chisinau stellt immerhin die halbe moldawische Nationalmannschaft, und das die sehr wohl Fußball spielen kann, haben Deutschen vor zwei Jahren erlebt. Es war das zweite Länderspiel unter einem Teamchef, der damals noch Erich Ribbeck hieß. Die Deutschen gewannen in der EM-Qualifikation 3:1, und am nächsten Tag machten die bei solchen Spielen üblichen Schlagworte die Runde. Mit Hängen und Würgen, Offenbarungseid, erschreckende Einfallslosigkeit.

Zudem ist in Berlin sehr wohl registriert worden, dass Zimbru in der Qualifikation zur Champions League NK Maribor ausschaltete und in der entscheidenden Runde nur denkbar knapp an Sparta Prag scheiterte. Zur Erinnerung: Maribor verbaute in der vergangenen Saison Bayer Leverkusen den Weg in die Zwischenrunde der Champions League, die Prager holten in eben dieser Zwischenrunde in zwei Spielen vier Punkte gegen ... . Hertha BSC!

"In diesen Spielen", sagt Herthas Trainer Jürgen Röber, "hat man gesehen, was die Moldawier können." Wie alle Berliner spricht Röber von Moldawiern, und da geht es schon los mit dem Vorsatz, heute Abend bloß kein netter Gast zu sein. Diese Moldawier wollen nämlich keine Moldawier sein, sondern Moldauer. Moldawien ist die Übersetzung des russischen Namens der einstigen Sowjetrepublik, die sich 1991 in den Wirren der ausklingenden Ära Gorbatschow für unabhängig erklärt hatte. Und da - wie so ziemlich überall in der untergegangenen UdSSR - auch in Chisinau (das bei den Russen Kischinew heißt) alles Sowjetische einen denkbar schlechten Klang hat, bestehen sie dort auf der Bezeichnung Republik Moldau.

Das klingt einfach und ist dann doch verwirrend, weil man bei Moldau stets an den durch Prag und damit knapp 1000 Kilometer entfernt fließenden Fluss denkt. Doch auch die von Hertha BSC angeheuerte Dolmetscherin springt ständig zwischen Moldawien, Moldau und Moldova (das ist rumänisch) hin und her, so dass dem Herrn Röber diese Unhöflichkeit durchaus nachgesehen werden kann. Anders als ein Einknicken vor dem Stier, der auf moldauisch/moldawisch Zimbru heißt.

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