Sport : Hertha BSC: Ende der Unpässlichkeit

Michael Rosentritt

Nehmen wir mal an, die Auswärtsschwäche Hertha BSC war in Wirklichkeit nur eine Art Auswärtskomplex und nur einer gewissen Unpässlichkeit der Spieler zuzuschreiben. Ein Wort wie Schwäche mögen Männersportler nämlich überhaupt nicht. Also reden wir von einem Komplex. Und so einer taucht selbst in den besten Kreisen auf. Worin er sich auch immer äußert. Gefährlich wird es nur dann, wenn er zeitlich raumgreift, wie eben bei Hertha BSC, dem Berliner Fußball-Bundesligisten. Acht Wochen waren es, in denen Herthas Profis komplexbehaftet zu Werke und untergingen, und zwar ausschließlich auf fremden Spielfeldern. Die Auswärtsniederlagen in München, Wolfsburg und Unterhaching, verdichteten sich gar zu einer reinen Komplex-Phase. Eine Phase, die erst am Sonntag in Rostock beendet werden konnte. Hertha gelang an der Ostsee der erste Auswärtssieg, weshalb Jürgen Röber Erleichterung empfand.

Jürgen Röber ist der Trainer von Hertha BSC, und in dieser Funktion schätzt er nichts weniger als den kollektiven Komplex. Wenn dieser etwas Gutes haben soll, dann höchstens, dass seine Überwindung eine tiefe innere Befriedigung in ihm hervorruft. Nur dauert das so seine Zeit. Aber "dafür gibt es nun mal keinen Knopf, den man nur drücken braucht, und schon geht es steil nach oben", sagt Röber. Der 46-Jährige macht sich ganz gern Gedanken über "diese Phasen". Alle Jahre hätte seine Mannschaft mit einer solchen zu ringen. Schon Mitte der Neunziger Jahre, damals spielte Hertha noch in der Zweiten Liga, gab es eine. "Du kannst nicht immer gewinnen", sagt Röber und kramt gedanklich nach Ursachen. Wobei nicht selten Ursache und Wirkung in einander übergehen - Druck von allen Seiten als Ursache und als Wirkung. "Damals hieß es: Du musst aufsteigen, dann, du musst drinbleiben in der Bundesliga, plötzlich sollte ein internationaler Startplatz herausspringen und jetzt reicht nicht mal mehr der Uefa-Cup." Aber, und das schätzt er an diesen Phasen, noch immer habe es seine Mannschaft geschafft, gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Die Mannschaft habe sich weiterentwickelt, "jeder einzelne Spieler, die Mannschaft als Ganzes und auch ich", sagt Röber.

Fast fünf Jahre arbeitet Röber jetzt schon in Berlin. Eine lange Zeit, gemessen am Branchenüblichen. "Wenn ich nicht mehr das Gefühl habe, dass sich meine Mannschaft entwickelt, wenn ich merke, was ich sage, geht bei den Spielern links rein und rechts raus", dan will er aufhören. Vor allem nach der 2:5-Niederlage in Unterhaching hatte die Kritik am Trainer zugenommen. Auch daran habe er sich mittlerweile gewöhnt. Klar, sagt Röber, "dann kommt wieder die Geschichte mit meinem Vertrag". Der läuft zum Saisonende aus. Für wie lange der nun, und wann verlängert wird - "das alles brauch ich nicht", sagt er. "Ich muss Spaß mit der Truppe haben", aber den gebe es nicht unbedingt lebenslang. "Ich habe das Gefühl, dass es ganz klar hier weitergeht. Und das ist meine Antriebsfeder."

Was sein gutbezahltes Engagement in Berlin betrifft, wird Röber mit den zuständigen Herren aus der Vereinsführung in entsprechende Gespräche eintauchen. "Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich gern hier bliebe. Diese meine Aussage ist alt, aber sie steht weiterhin", sagt Röber. "Aber wollen wir uns nicht verrückt machen lassen von diesem Thema." Früher noch, als jeweils zweimal seine Verträge vor Ablauf des bestehenden um jeweils zwei Jahre verlängert wurden, habe er damit ein Problem gehabt.

Nun wurde noch nach jeder Auswärtsniederlage dieser Saison dieses Thema aufgegriffen und gefragt, ob denn Röber noch der richtige Mann für diese Mannschaft sei. Und mit jeder kommenden Niederlage wird diese Frage erneut aufkommen. Röber nimmt es mittlerweile gelassen. "Weil ich eh nichts ändern kann, aber auch nicht muss." Irgendwann werden beide Seite in die entscheidene Phase treten. Findungsschluss soll die Zeit um Weihnachten sein. Unpässlickeit ist dann auch ganz selten.

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