Sport : Hertha BSC: Getrieben vom schlechten Gewissen

Michael Rosentritt

Dem Unerklärlichen von Unterhaching folgte eine Erklärung, eine offizielle sogar, schwarz auf weiß. Von der Mannschaft Hertha BSC, vorgetragen von Michael Preetz. Herthas Kapitän verlas also die Botschaft. Er tat es - dem Anlass angemessen - ohne Firlefanz. Fragen? Ja, bitteschön. Ob diese Erklärung bestellt war von der Vereinsführung? "Nein", sagte Preetz und skizzierte kurz die Entstehungsgeschichte des Papiers, dass so nicht zu den Alltäglichkeiten im Profifußball gehört.

Nach dem peinlichen 2:5 auf dem kleinsten Sportplatz der Bundesliga mochte sich die Mannschaft selbst nicht mehr leiden. Das kollektive schlechte Gewissen trieb die Profis zusammen. "Wir haben zunächst ohne Manager und Trainer gesprochen", sagte Preetz. Erst danach habe sich ein größerer Zirkel gefunden. Krisensitzung nennen das die einen, Preetz lässt diese Bezeichnung kalt. Fakt ist, dass "diese Gespräche und die Erklärung ein Anliegen und ein Bedürfnis der Mannschaft waren". Die Erklärung klingt nicht von ungefähr wie eine Art Entschuldigung bei den Fans, denn, so sagte Preetz, im Fußball gebe es ein Zusammenspiel zwischen Fans und Fußballer. Und dieses wolle die Mannschaft ihrerseits so konstruktiv wie möglich gestalten. Eine Trainerdiskussion aber habe es aus der Mannschaft heraus nicht geben. "Wir haben hier zusammen ganz unten angefangen und immer gut zusammengearbeitet, das soll und wird so bleiben", sagte Preetz. Der Torjäger behauptete, dass es keinerlei Probleme zwischen Mannschaft und Trainer gebe. "Wir haben in den letzten viereinhalb Jahren zusammen eine fantastische Arbeit gemacht und dabei auch schwierige Situationen gemeistert". Details aus der internen Sitzung aber wollte er nicht bekanntgeben. Bei der Ursachenforschung ging es vor allem darum, "warum wir ein Spiel verlieren, das wir eigentlich im Griff haben?" Es wird immer wieder unzufriedene Spieler geben, und einiges wird immer wieder an die Öffentlichkeit gelangen, "aber wichtig ist, dass wir alle an einem Strang ziehen".

Manager Dieter Hoeneß vermied bewusst das Wort Krise. Ein Wort wie "Aufgabe" klingt auch besser. "Bei uns werden nicht alle in den Sack gesteckt und dann draufgehauen, nur damit es auch ja den trifft, den es treffen soll", sagte Hoeneß. "Wir haben konstruktiv die Situation analysiert, jetzt sind wir auf einem guten Weg". Hoeneß räumte ein, dass "wir Fehler gemacht haben, katastrophale sogar, aber unser Problem ist weder die Heimstärke noch die Auswärtsschwäche." Vielmehr sieht er die Mannschaft gefordert, "mit Widrigkeiten klarzukommen". Die Mannschaft müsse unglückliche Schiedsrichterentscheidungen ebenso wegstecken, wie den Umstand, wenn die Mannschaft mal in Rückstand gerät. "Dass Jürgen Röber keinen Zugang zur Mannschaft findet, ist Blödsinn." Sonnabend kommt Köln. "Da hat jeder etwas gutzumachen."

Jürgen Röber zeigte sich wenig überrascht vom Erklärungsschreiben der Mannschaft. "Das zeigt, dass sich die Mannschaft Gedanken macht", sagte der Trainer. Die Kritik der vergangenen Tage ist aber auch nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. So will er seinen zu Saisonende auslaufenden Vertrag nur noch um ein Jahr verlängern. Der 46-jährige Trainer sagte, dass es irgendwann mal Abnutzungserscheinungen geben könnte. "Deshalb glaube ich, ich komme dem Verein entgegen, wenn wir immer nur um ein Jahr verlängern, so wie Otto Rehhagel früher in Bremen. Für Hertha wäre das kein Risiko." Die Kritik der vergangenen Tage könne er durchaus verstehen. "Wir haben den Mist verzapft, deshalb müssen wir uns jetzt nicht auf den Schlips getreten fühlen". Röber steht zum wiederholten Male in der Kritik, freiwillig gehen will er noch lange nicht. "Wenn ich nicht mehr das Gefühl habe, dass die Mannschaft intakt ist, dass ich an sie nicht mehr herankomme, dann", sagte Röber und ließ den Satz unvollendet. "Aber das ist absolut nicht der Fall."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben