Hertha BSC : Jonglieren statt Seilspringen

Unter Lucien Favre setzt Hertha BSC weiter auf brasilianische Ballkünste – trotz einiger Fehleinkäufe in der Vergangenheit. Das Vertrauen in das fußballerische Können der Kicker aus Südamerika ist so groß, dass bald ein weiterer Brasilianer das Berliner Mittelfeld verstärken könnte.

Claus Vetter[Stegersbach]
Kaka
Herthas Neuzugang Kaka ist einer von vier Brasilianern im aktuellen Bundesligakader des Hauptstadtklubs. -Foto: ddp

Mit dem Seilspringen klappte es nicht so. Viel zu häufig verhedderte sich Raffael in dem von ihm offensichtlich ungeliebten Übungsutensil. Der eher schmächtige Brasilianer in Diensten von Hertha BSC wirkte sichtlich erleichtert, als der erlösende Pfiff von Kotrainer Harald Gämperle ertönte. Zirkeltraining war gestern früh beim Fußball-Bundesligisten angesagt, auf ging es zur nächsten Übung, wobei auch das Hüpfen über eng gestellte Hürden Raffael wenig Freude bereitete. Bei seinem Landsmann Lucio verhielt sich das ähnlich. Als sich in einer kleinen Pause die Möglichkeit bot, jonglierte er lieber mit dem Ball herum.

Es ist ein altes Vorurteil, dass Fußballer aus Südamerika qua Geburt mit höchsten Fußballgaben gesegnet sind. Beim Fernsehkommentar rutschte Marcel Reif etwa einmal über einen brasilianischen Spieler heraus, „dass der technisch unbeschlagen ist, obwohl er Brasilianer ist“. Bei Hertha jedenfalls ist das Vertrauen in das Können brasilianischer Profis riesig, neben Raffael und Lucio sind nun im Trainigslager in Österreich auch die beiden neuen Berliner Brasilianer dabei, die Verteidiger Rodnei und Kaká.

Es ist sogar gut möglich, dass das Quartett noch verstärkt wird. Angeblich sind die Berliner noch an Mittelfeldspieler Ibson interessiert, der beim FC Porto unter Vertrag steht. Schließlich hatte Hertha ja nun auch einen brasilianischen Abgang zu verzeichnen. Der Vertrag mit Mineiro wurde nicht mehr verlängert, der Nationalspieler kam bei Favre ohnehin in der vergangenen Saison selten richtig zum Zug. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viele Brasilianer in einem Jahr unter Favre schon mal das Hertha-Trikot tragen durften oder nun tragen sollen – sieben, drei sind nämlich inzwischen weg: die noch vor Favre verpflichteten Mineiro und Gilberto, letzterer verließ den Klub inmitten der vergangenen Saison. Und der bei Hertha glücklose Stürmer André Lima wechselte wieder in seine Heimat.

Lima fühlte sich in Berlin nicht wohl. Es ist kein seltenes Phänomen, dass die Brasilianer in Europa mit der anderen Kultur und Mentalität zu kämpfen haben. „Viele meiner Landsleute haben hier Anpassungsschwierigkeiten“, sagt auch Herthas Raffael. Er allerdings habe keinerlei Probleme gehabt, sich an Berlin zu gewöhnen. „Daher versuche ich nun, meine Landsleute Kaká und Rodnei hier zu unterstützen.“ Das sei nicht schwer, denn die Größe der brasilianischen Fraktion bei Hertha erhöhe den Wohlfühlfaktor für ihn und seine Kollegen: „Wir können uns verständigen, können auch sonst etwas zusammen machen.“

Mit der deutschen Sprache haben sie es nämlich noch nicht so. Immerhin, sagt Raffael, könne er sich mit seinem Ziehvater Favre, der ihn bereits in der Schweiz gefördert hat, in einer Mischung aus Deutsch und Französisch verständigen. „Ich verstehe nicht alles, aber das Wesentliche kommt an.“ Trotz der erschwerten Kommunikation: Für Favre ist das Vertrauen in brasilianische Profis selbstverständlich. „Sie verstehen etwas vom Fußball, können das Spiel oft besser lesen als andere“, sagt Herthas Trainer.

Die brasilianische Spielkultur hat bei Hertha eine junge Tradition, die mit Alex Alves begann und sich dann mit dem genialen Spielgestalter Marcelinho vielleicht zu vielversprechend fortsetzte: Zum großen Anführer wurde in der Zeit nach Marcelinho kein Brasilianer mehr. Und auch schon zu dessen Zeiten bei Hertha war ein brasilianischer Fehlgriff dabei: Luizao kam als Weltmeister von 2002 nach Berlin und ging nach nur 26 Spielen als Herthas erster Fehleinkauf aus Brasilien.

Was spricht nun dafür, dass Hertha mit seinen Neuen, Rodnei und Kaká, nicht daneben liegt? Vielleicht ihr Spielertyp, denn sie sind beide eher robuste als ballverliebte Verteidiger. Das deuteten sie im ersten Testspiel im Trainingslager von Stegersbach gegen den österreichischen Viertligisten SV Thal schon mal an, wobei sich Rodnei gleich leicht an der Schulter verletzte. Und im Zirkeltraining gab Kaká dann beim Seilspringen l eine klar bessere Figur ab als sein Landsmann Raffael.

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