Sport : Hertha BSC: Langeweile an der Meile

Michael Rosentritt

Jürgen Röber ergriff in aller Aufregung ein Glas abgestandene Cola und sagte: "Die Saison ist noch jung." Er brauchte nicht zu sagen, dass das 0:0 beim FC St. Pauli am ersten Spieltag der Fußballbundesligasaison 2001/2002 nun überhaupt nicht nach seinem Geschmack war. Sein Gesicht sprach.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Nach dem Gewinn des Ligacups während der Liga-Ferien und den 30 Millionen Mark, die Hertha BSC in neue Offensivkräfte investierte, sind die Erwartungen hoch in der neuen Mitte der Republik. Zwar ist so ein Ligacup-Gewinn eine tolle Sache, aber berechtigt noch lange nicht zur Teilnahme am Geldvermehrungswettbewerb, genannt Champions League. Und genau da will Hertha hin. Weshalb ein Punkt bei der Aldi-Truppe, wie der Aufsteiger aus dem Hamburger Stadtteil wegen seines geringen Etats genannt wird, zwei zu wenig sind. Von einer "Nullnummer im Freudenhaus" war auf der vereinseigenen Homepage zu lesen. Das ist hübsch formuliert, aber so etwas behält man wohl besser für sich. Und macht es beim nächsten Mal besser.

Beispielsweise daheim in bekannter Umgebung und einer weitaus attraktiveren Paarung. Kommenden Sonnabend geht es für Hertha BSC gegen Borussia Dortmund. "Aufsteiger am Anfang sind immer schwer", sagte Dick van Burik. Herthas Abwehrchef wollte sich dennoch nicht in fadenscheinigen Ausreden verlieren. "Wir haben heute manche falsche Entscheidung auf dem Platz getroffen, und das Balltempo war nicht so hoch", sagte der Holländer. Auffällig war, dass Herthas Sechs-Mann-Offensive (Preetz, Alves, Marcelinho, Deisler, Goor und Hartmann) ausschließlich den Weg durch die Mitte suchte. Nur hat sich das schon immer schlecht gemacht, weil der Gegner mindestens ebenso viele Spieler aufbietet, die etwas dagegen haben.

Der Platz in der Mitte ist im Allgemeinen relativ knapp bemessen. Im Besonderen auf dem Spielfeld in St. Pauli, "wo links und rechts ein paar Meter fehlen", wie Jürgen Röber fand. Dem Trainer dürfte ebenfalls nicht entgangen sein, dass Neuzugang Bart Goor auf der linken Außenbahn und Michael Hartmann auf der rechten nicht unbedingt über sich hinauswuchsen an diesem sonnigen Sonntag. "Das Wetter hat uns nicht geholfen", sagte Röber und zuckte mit den Schultern. Und auf Hilfe der Fans der gegnerischen Elf darf auch nur in äußerst seltenen Fällen vertraut werden. "Ihr seid Vorbereitungsmeister und sonst nichts", lautete eine Liedzeile, die am Millerntor zum Besten gegeben wurde. Ein wenig wird der Singsang den Spielern aus Berlin wehgetan haben. In der Vorbereitung gewann Hertha BSC gegen Spitzenmannschaften wie Leverkusen, Bayern München und Schalke 04 bis hin zum Liga-Cup, den ersten Titel für die Berliner seit 70 (!) Jahren. Mehr als Unruhe in der Vereinsvitrine brachte der nicht ein. Aber, und das stimmt bedenklich, "eigentlich waren wir schon weiter", sagte van Burik. Sein Mannschaftskollege Stefan Beinlich, der nach sieben Monaten Verletzungspause sein Bundesliga-Comeback feierte, ergänzte: "Im Ligapokal war es ganz anders. Da haben alle Mannschaften nach vorn gespielt. St. Pauli hat sich recht weit zurückgezogen." Möglicherweise ist das auch der Grund, weshalb das Spiel gegen den Meisterschaftsdritten aus Dortmund den Berlinern leichter fallen könnte. "Das nehme ich an", sagte Dick van Burik. "Dortmund legt viel Wert auf die Offensive und wird mit uns richtig Fußball spielen. Wir werden dadurch mehr Platz haben, und den brauchen wir auch, um unsere Qualitäten entfalten zu können." Mal sehen, was dann die Gesichter sagen werden.

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