Hertha BSC : Vortragsreisender in Sachen Optimismus

Herthas Manager Michael Preetz gibt sich unbeirrt: Er glaubt an den Klassenerhalt, störende Fakten werden einfach ausgeblendet.

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Immer dran glauben. Michael Preetz versucht Hoffnung zu verbreiten. Foto: ddpddp

Berlin - Die Einflussmöglichkeiten eines Fußballtrainers, so heißt es, enden spätestens im Moment des Anpfiffs. 90 Minuten lang muss er dann nahezu hilflos an der Seitenlinie zuschauen. Wie aber muss sich der Manager eines Fußball-Bundesligisten fühlen? Michael Preetz zum Beispiel von Hertha BSC. Die Transferperiode endet am heutigen Montag, entscheidende Veränderungen im Kader sind nicht mehr vorgesehen, und die Planungen für die neue Saison angesichts der ungewissen sportlichen Situation der Mannschaft weitgehend auf Eis gelegt. Preetz, gerade halbwegs von einer Grippe genesen, ist trotzdem nicht untätig. Er spielt in diesen Tagen den PR-Botschafter der guten Laune, eine Art Vortragsreisenden in Sachen Optimismus. Am Sonntagmorgen, 18 Stunden nach dem 0:0 der Berliner Profis gegen den VfL Bochum, ist er in der DSF-Sendung Doppelpass zu Gast, um seine frohe Botschaft in die zweifelnde Welt hinauszutragen. „Die Lage ist nicht aussichtslos“, sagt er.

Natürlich gibt es angenehmere Zeiten für öffentliche Auftritte; aber auf den ersten Blick hinterlässt Preetz einen durchaus ansprechenden Eindruck. Er hat gewissermaßen zu sich selbst zurückgefunden. Schon als Spieler wurde er für seine rhetorische Stärke genauso bewundert, wie er für seine Tore bejubelt wurde. Umso irritierender war es für viele Herthaner, als Preetz bei der Mitgliederversammlung im November seine Grundsatzrede vom Blatt ablas. An diesem Sonntag aber, im Doppelpass, ist wieder der alte Michael Preetz zu sehen: klar in seinen Worten, stringent in seiner Argumentation und überzeugt von sich selbst. Dass er sich die Wahrheit ein bisschen so zurechtbiegt, wie er sie gerne hätte, und störende Fakten einfach ignoriert – das ist ein legitimes Mittel der PR-Branche.

Preetzens Botschaft nach zwei Heimspielen ohne Sieg und ohne Tor lautet: Es läuft doch alles bestens. „Wir wussten, dass wir im Januar die Basis legen müssen“, sagt Herthas Manager. „Das ist uns gelungen.“ Schön, dass er das so sieht, wo doch die Planungen bei Hertha vor dem Rückrundenstart insgeheim von drei Siegen aus den ersten drei Spielen ausgegangen sind, mindestens aber von sieben Punkten. Gerade fünf sind es geworden – gegen Hannover, Mönchengladbach und Bochum, drei Gegner, die in der unteren Hälfte der Tabelle zu Hause sind.

Immerhin hat der zähe Anfang der Aufholjagd zu einer etwas realistischeren Einschätzung des Möglichen geführt. Erstmals spricht Preetz explizit davon, dass Hertha den Relegationsplatz anstrebt: „Das ist der Platz, auf den wir schauen.“ Auf den ersten Blick ist das eine erfreuliche Perspektive, weil Platz 16 gerade von Hannover 96 belegt wird, der derzeit erbärmlichsten und verzweifeltesten Mannschaft der Liga. Hannover einzuholen – „das ist realistisch“, sagt Preetz. „Dazu ist diese Mannschaft in der Lage.“ Das Problem ist nur, dass 96 nach Lage der Dinge nicht mehr lange Sechzehnter sein wird, dass die Berliner den Fokus eher auf den 1. FC Nürnberg richten müssen, der sich zuletzt ebenfalls stabilisiert hat.

Die Berliner haben sich von der Euphorie nach dem Sieg in Hannover gerne anstecken lassen. Sie haben gegen Mönchengladbach der Kälte getrotzt und sich massenhaft mit „Aufholjäger“-T-Shirts ausgestattet. Doch der Optimismus zerbröselt schon wieder. Nach dem 0:0 gegen Bochum verließen die Fans schweigend das Olympiastadion. Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Anhang nicht mal mehr wütend ist. „Die Leute in Berlin glauben wieder daran“, sagt Preetz. Die Zahlen sagen etwas anderes: Gegen Bochum hatte Hertha – bei zehn Grad mehr – fast 20 Prozent weniger Zuschauer als eine Woche zuvor gegen Mönchengladbach.

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