Hertha BSC : Woronin: Lieber Sibirien als Schalke

Stürmer Andrej Woronin würde gern bei Hertha bleiben – wenn sich der Klub das denn leisten kann. In den nächsten Wochen soll es ein klärendes Gespräch mit Manager Dieter Hoeneß geben.

Sven Goldmann
Fussball Fußball 1. Bundesliga Saison 2008 2009 1. Quartal HERTHA BSC Training
Herthas Schneemann. Andrej Woronin friert in Berlin, hat aber trotzdem seinen Spaß.Foto: City-Press

Berlin - Das Telefon klingelt, und die Frau ist dran. Andrej Woronin schickt einen virtuellen Kuss nach Odessa, wo sie gerade das orthodoxe Weihnachtsfest feiern, und am Ende des Gesprächs fragt er noch, wie kalt es denn sei daheim in der Ukraine, weit weg im äußersten Osten Europas. Minus vier Grad. Woronin verzieht das Gesicht. Richtige Kälte fühlt sich anders an, er spürt sie jeden Tag in der sibirischen Randlage Charlottenburgs. „So einen harten Winter wie hier habe ich noch nie erlebt“, sagt Andrej Woronin.

Ja, Berlin ist eine kalte Stadt in diesen Tagen, und ganz besonders kalt ist es auf dem Trainingsgelände von Hertha BSC, wo der Wind ohne Hindernis über die zahlreichen Rasenplätze pfeift. Um kurz vor elf humpelt Pal Dardai vom Platz. Nein, keine Kältezerrung, „das Knie hat geknackt“, sagt der ungarische Mittelfeldspieler. Ein paar Minuten später fährt Dieter Hoeneß vor. Durch den Schnee stapft Herthas Manager auf den Trainingsplatz. Hoeneß feiert seinen 56. Geburtstag, und die Trainingskiebitze fragen, ob sie ihm ein Liedchen singen sollen. Dieter Hoeneß wünscht sich „Knockin’ on Heaven’s Door“.

Das ist musikalisch nicht zu beanstanden und kann durchaus interpretiert werden als Wunsch an überirdische Mächte: Mögen sie doch die Zukunft des Berliner Fußball-Bundesligisten so erfolgreich gestalten, wie es das vergangene halbe Jahr versprochen hat. Dafür braucht Hoeneß Geld, wahrscheinlich mehr, als er in diesen Tagen der Wirtschaftskrise haben wird. Gern würde er Andrej Woronin in Berlin halten. Der Ukrainer ist bis zum Juni vom FC Liverpool ausgeliehen, für Ablöse und Gehalt wird Hertha einiges investieren müssen. Woronin sagt, er wisse, „dass Hertha nicht so reich ist wie Liverpool oder Manchester United“ und er fühle sich auch sehr wohl in Berlin, aber irgendwann in naher Zukunft müsse jetzt eine Entscheidung fallen, „ich muss an meine Familie denken und meine Zukunft planen“. Gab es schon ein Gespräch mit Dieter Hoeneß? „Das wird es in den nächsten Wochen geben.“

Auf dem Boulevard waren sie ganz nervös, als zu Beginn der Woche eine Meldung aus England ihren Weg nach Berlin fand, nach der Schalke 04 an Woronins Diensten interessiert ist. Quelle ist die „Daily Mail“, die wiederum keine Quelle nennt, wie das in England so üblich ist, wenn im transfer window munter über Personalien fantasiert wird. Woronins Berater hat die vermeintlich neue Nachrichtenlage dankbar aufgegriffen und verlauten lassen, er wisse von Schalkes Interesse. „Da weiß er mehr als ich“, sagt Woronin. Natürlich sei Hertha nach wie vor sein erster Ansprechpartner, „wir haben Erfolg und Spaß“, trotz der randsibirischen Kälte.

Im Kopf hat Woronin schon mal das Szenario durchgespielt, nach dem er Hertha mit seinen Toren in die Champions League schießt und diesen Erfolg dann nicht mitgenießen kann, weil die Reise weiter geht, zurück nach Liverpool, vielleicht auch nach Schalke oder sonstwohin. „So ist das Geschäft“, sagt Woronin und dass er offen sei für alles, „ich bin ja noch jung“. Ob Herthas Trainer Lucien Favre die 29 Jahre seines Stürmers ebenfalls als Jugend durchgehen lässt, darüber dürfte intern noch zu reden sein. Favre hat dem Leihgeschäft mit Woronin im vergangenen Sommer nur zugestimmt, weil sich der von ihm ausgesuchte Tunesier Amine Chermiti damals schwer am Knie verletzte. Chermiti ist gerade 21 Jahre alt geworden und zur Rückrunde wieder fit. Es gehört nicht viel Fantasie zu der Annahme, Lucien Favre wolle das viele schöne Geld, das Woronin kosten würde, lieber in ein paar wirklich junge Spieler investieren.

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